Autor: Gretchen1943 Thema: Kleine, fast wahre Geschichten  (Gelesen 639 mal)

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Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #15 am: Juli 18, 2018, 14:56:35 Nachmittag »
Die Geschichte zu meiner heutigen Frage, wie ein Einkommen zu bezeichnen ist, was weder Gehalt, noch Rente, Hartz IV o.ä. ist.

Wandel – doch gib dich niemals auf
Immer in ihrem Leben hat Gret es so gehalten, dass sie sich Dinge von der Seele schrieb, die sie bedrückten. Damit konnte sie ein Kapitel beenden und offenen Herzens auf neue Eindrücke zugehen. Auch diesmal war das nicht anders.
Als sie Chris kennenlernt, sind sie beide auf der Suche nach einer Bekanntschaft, vielleicht sogar neuen Partnerschaft, erst einmal jedenfalls nach einem Menschen zum Reden. Auf ihre Anzeige antwortet er ihr mit einem sehr netten Brief, in dem er die Worte Vertrauen, Verstehen und Verständnis besonders betont. Sie fühlt sich von seinen Zeilen angesprochen, denn sie ist ein Mensch, dem Freunde sehr gern eine fast schmerzhafte Ehrlichkeit nachsagen, und der anfangs immer annimmt, dass andere Menschen ebenso aufrichtig sind.
Eines Abends wählt sie dann die angegebene Telefonnummer im Thüringischen. Dass mit diesem Anruf ein Wandel, eine große Veränderung in ihrem Leben eintreten würde, kann sie nicht ahnen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine angenehme, warme, leise Männerstimme. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass es viele Jahre dauern würde, bis sie sich aus dem Bann dieser Stimme, vom Einfluss und der langsam stärker werdenden Umklammerung dieses Mannes würde befreien können.
Gret weiß später nicht mehr, wie viele Stunden sie im Laufe ihrer Bekanntschaft miteinander am Telefon verbracht haben, dieses erste Gespräch jedenfalls dauert vier Stunden. Sie gewinnt den Eindruck, es mit einem sympathischen, aufgeschlossenen und mitfühlenden Menschen zu tun zu haben.
In der Folgezeit werden diese langen Unterhaltungen zu einer liebgewordenen Gewohnheit, hin und wieder ergänzt durch einen Brief. Wenn er ihr schreibt: „Ich fühle mich sehr wohl in Ihrer Stimme“, oder: „Meine lieben Gedanken sind sehr oft bei Ihnen in B.“, liest sie zwischen den Zeilen eine besondere Wärme heraus und gern auch mehr als nur freundschaftliche Zuneigung. Es dauert nicht sehr lange, bis sie zu dem vertrauteren Du übergehen.
In ihr Tagebuch schreibt sie ein Gedicht:

„Ich schenke dir ein Lächeln.
Es ist schon spät,
ich sitze allein in meinem Zimmer.                                                                                                                                                                                                    Als das Telefon klingelt, schrecke ich auf.
Doch dann, am anderen Ende eine Rose.
Eine Rose in Menschengestalt,                                                                                                                                                                                                                                   mir so unerwartet nah,
klug und mit einer Stimme voller Wärme.                                                                                                           
Und wieder einmal singe ich es,
mein Liebeslied für eine Rose.
Nur in meinen Gedanken umarme ich ihn.
Nur in meiner Fantasie streichle ich ihn.
Nach langer Zeit und vielen Worten bin ich wieder allein. 
War es ein Traum? War es Wirklichkeit? 
Was es auch war:   
Ich schenke ihm mein zärtlichstes Lächeln.“

Im Laufe der Zeit lernen sie sich näher kennen. Gret freut sich, wieder einen Menschen zu haben, von dem sie annimmt, dass er sich ernsthaft für sie und ihr Leben interessiert. Sie bemerken viele Gemeinsamkeiten, eine davon ist ihre Liebe zu Tieren. Da Chris keinen Computer besitzt, bittet er Gret oft, für ihn im Internet Seiten von Tierheimen und Reiterhöfen aufzurufen und ihm am Telefon live davon zu erzählen. Sie ist deshalb nicht verwundert, als er ihr eines Tages freudestrahlend berichtet, er wolle sich ein Pferd kaufen und einen Hund aus dem Tierheim holen. Die finanzielle Belastung sei zu bewältigen, er habe ja ein gutes Einkommen.
Entgegen ihrer sonst gehegten Zurückhaltung lädt Gret Chris zu einem Besuch ein und verbringt mit ihm ein angenehmes Wochenende mit angeregten Gesprächen, gemeinsamem Kochen, Lachen und Spaziergängen. Was sie an ihm besonders fasziniert, ist sein Lächeln. Es reicht aus, ihr Gefühl von Zuneigung zu verstärken. Sie bemüht sich, ihm zu gefallen und ihm die Besuche in ihrer Heimatstadt so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie kauft Karten zu „Apassionata“, einer Veranstaltung mit Pferden und Musik in wunderbarer und beeindruckender Kombination. Sie bereitet seine Lieblingsgerichte zu, bäckt „seine“  Kuchen und kocht für ihn köstliche Marmeladen nach seinem ganz speziellen Geschmack: er mag nichts Saures. Sie tut es gern und stellt langsam ihre eigenen Vorlieben danach um.
Als er ihr bei einem seiner Besuche sehr ausführlich von einem bevorstehenden beruflichen Projekt in Grets Nähe erzählt, überlegt sie nicht lange und bietet ihm für diese Zeit Quartier in ihrem Gästezimmer an. Er bekommt einen Wohnungsschlüssel und kann sich für eine lange Zeit ohne finanziellen Aufwand bei ihr wie zuhause fühlen.
Gret lernt seine beruflichen Aufgaben kennen. Er verkauft Werbeflächen auf Fahrzeugen für überwiegend soziale Projekte,  wie z.B. die „Dresdner Tafel“ eins war, an Firmen und Unternehmer. Dazu muss er im Vorfeld zur Terminvereinbarung sehr viele Telefonate führen. Da Chris bereits zum Anfang ihrer Bekanntschaft von Grets ausgesprochen angenehmer, immer noch jugendlicher Stimme beeindruckt war, bittet er sie, ihm bei diesen Telefonaten zu helfen. Ihr anfängliches Nein akzeptiert er nicht, bedrängt sie ständig und übt immer mehr Druck auf sie aus. Für jede Ablehnung ihrerseits, auch bei späteren Vorhaben ähnlicher Art,  verlangt er eine ausführliche Erklärung. Stellt ihn diese nicht zufrieden, bohrt er nach, unterstellt ihr Sturheit und entzieht ihr für eine gewisse Zeit die Harmonie im Zusammensein. Gret belastet das sehr. Um des lieben Friedens willen gibt sie nach und geht immer auf seine Forderungen ein. Die erfolglosen Versuche und Diskrepanzen mit seinem Arbeitgeber führen zu seiner Entlassung. Chris fährt zurück nach Hause und beschäftigt sich in der Folgezeit mit vergeblichen Versuchen, Erfolg beim Verkauf von Wasserfiltern, Versicherungen und Solaranlagen zu haben.
Grets Zweifel zerstreut er, bittet sie sogar, für ihn einen Kredit für die Anzahlung zu einem beabsichtigten Autokauf aufzunehmen, um mobiler arbeiten zu können. Ist es bereits Dummheit oder immer noch grenzenlose Gutmütigkeit? Gret geht auf seine Bitte ein, erhält einen Schuldschein und die feste Zusage für monatliche Rückzahlung.
Bei einem Besuch bei Gret muss das Auto in eine Werkstatt und wird Chris nur gegen Barzahlung wieder ausgehändigt. Der Werkstattmeister ist ein guter Bekannter von Gret und so zahlt sie die Rechnung, als Chris nicht ausreichend Geld dabei hat. Und nochmals glaubt sie ihm, als er  sofortige Überweisung zusagt.
In der Folgezeit beginnt er mit Versuchen, seine eigenen Unzulänglichkeiten mit Kritik an Grets Familie und Freundeskreis zu überdecken. Grets  noch vorhandene finanzielle Probleme aus der Rückzahlung eines Baukredits lastet er ihrem verstorbenen Mann an, dieser hätte sie ausreichend absichern müssen. Ihre Freunde seien auch keine, denn sonst würden sie Gret öfter besuchen oder zumindest viel öfter anrufen. Er sei Grets einziger Freund, denn schließlich riefe er ja täglich an.
Als er die Rückzahlung des für ihn aufgenommenen  Kredits einstellt,  auch die Raten für seine unter ihrem Namen gekaufte Waschmaschine bei Quelle schuldig bleibt und sich nicht mehr bei Gret meldet,  beginnt sie endlich mit dem Nachdenken. Sie erkennt, dass sie weder eine Freundin für ihn ist, noch jemals eine gleichberechtigte Partnerin auf freundschaftlicher Basis für ihn sein wird. Sie versucht mehrfach, ihn telefonisch zu erreichen – ohne Erfolg. Eindringlich bittet sie ihn schriftlich, seinen Verpflichtungen ihr gegenüber nachzukommen – keine Reaktion. Sie schildert ihm ihre persönliche finanzielle Bedrängnis, in die er sie durch ihre ständige Unterstützung für ihn gebracht hat – sie erhält kein Lebenszeichen. Als sie schließlich eine Anzeige wegen Betrugs androht, ruft er an. Er bittet um Entschuldigung und gleichzeitig um Geduld und Wiederaufnahme ihres ständigen Kontaktes. Das habe etwas mit Freundschaft zu tun. Als Gret ihm von der Hilfe ihrer Freunde in ihrer Not erzählt, schweigt er für einen Moment.
Auf seine inständigen Bitten bleibt sie standhaft. Sie hat mit aller Deutlichkeit erkannt, dass er ihre seelische Not nach dem Tod ihres Mannes ausgenutzt und ihr eine Freundschaft vorgegaukelt hat, die nur von ihrer Seite aus aufrichtig war. Wie erlöst atmet sie auf und lehnt auch die Wiederaufnahme der einstmals täglichen Telefonate ab. Sie erinnert ihn lediglich an seine Pflicht zur Rückzahlung seiner Schulden, dann verabschiedet sie sich und legt den Hörer auf.
Sie geht am Spiegel vorbei, lächelt sich zu und stellt die Waage in den Schrank. Künftig wird niemand jeden Tag nach ihrem Gewicht fragen, sie kann sich die Haare wachsen lassen, weil sie selbst es so will und sie kann um jedes Kostüm im Kaufhaus einen großen Bogen machen, weil sie sie nicht mag und ihr niemand mehr etwas anderes einreden darf.
Da ist sie wieder, die „alte“ Gret, fröhlich, aufgeschlossen, selbstbewusst. Nicht nur die Freunde erkennen den Wandel, auch sie selbst ist sehr zufrieden mit dieser Veränderung und fühlt sich wie von einem Druck, einer Last befreit.
Leben – ich komme.
.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
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Offline Petra

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #16 am: Juli 20, 2018, 06:47:04 Vormittag »
Wie aus dem wahren Leben. Nur leider kommt so etwas sehr häufig vor. Auf der einen Seite ist ein Mensch dem anderen hörig, auf der anderen Seite freut sich ein Betrüger über seinen Einfluss. Man sollte in jedem Fall Anzeige erstatten, sonst machen die weiter.... :alleswirdgut:

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #17 am: Juli 20, 2018, 10:09:39 Vormittag »
Petra, es   w a r    aus dem wahren Leben, leider. Angezeigt hatte ich es, die Gerichtskosten muss er auch zahlen, aber da er    g a r    n i c h t s    zahlt, war das auch für die Katz.
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Offline Petra

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #18 am: Juli 20, 2018, 10:36:39 Vormittag »
 :alleswirdgut:

Vermutlich hat der nicht mal ein schlechtes Gewissen.  :girl_sad: Das tut mir sehr leid für dich.

Aus der Abteilung #mistkerl  :diablo:

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #19 am: Juli 23, 2018, 23:21:13 Nachmittag »
Mit vielen meiner Geschichten habe ich mir von der Seele schreiben können, was mich bedrückte und woran ich manchmal fast verzweifelt bin. Das war mir hilfreicher, als der Besuch in einer Beratungsstelle oder die Anfreundung mit dem "Tröster" Alkohol.


                                    Die Andere
Draußen dämmert der Morgen. Seit Stunden sitzt Gret unbeweglich in der Couchecke und schaut auf die Lichtreklame der gegenüberliegenden Apotheke. Die Allee ist ruhig geworden, der Lärm des Tages, die Autokolonnen, alles ist einer nächtlichen Trägheit gewichen.
Ist es wirklich schon ein Jahr her, dass ihr Mann ihr gesagt hatte, er habe sie nicht mehr lieb? Durch dreißig Jahre sind sie gemeinsam gegangen, ein halbes Menschenleben lang. Sie hatte bereits gespürt, dass da etwas anders war in ihrer Beziehung, aber das Vertrauen zu ihm war größer als ihr Misstrauen. Erst als die Angst ihr wie ein großer Stein auf der Brust lag, stellte sie ihn zur Rede.
„Ich habe eine Andere lieb“, sagte er, „ich habe es nicht gewollt, es ist eben so gekommen.“
Sie war wie vor den Kopf gestoßen. „Nein“, flüsterte sie, „nur das nicht. Bitte sag, dass es nicht wahr ist.“
Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie weinte tonlos.
„Weine doch nicht, ich will euch doch nicht wehtun“, sagte er, „aber sie ist so ganz anders als du, so etwas habe ich noch nie erlebt.“
Gret konnte nicht reden, keinen klaren Gedanken fassen. Ihren starren Blick nahm er als Aufforderung und erzählte leise: „Du kennst sie, sie war eine Kollegin von mir, ich habe sie manchmal zu Hause abgeholt. Sie führt keine gute Ehe, ist viel allein, weil der Mann auswärts arbeitet. Sie sagt, sie habe ihr Leben lang auf mich gewartet und könne nun ohne mich nicht mehr leben. Du warst meine erste Liebe, ich hatte keine Erfahrungen. Ich glaube, nun muss ich etwas nachholen, lass mir einfach Zeit, ich muss darüber nachdenken.“
Gret wusste später nicht, wie sie die folgende Zeit ertragen hatte. Wenn er sich zu Hause aufhielt, wartete er ständig unruhig auf einen Anruf. War es soweit, wusste er, der Mann der Anderen war wieder abgefahren und sie erwartete Grets Mann. Gegen Morgen kam er dann zurück und legte sich müde ins Bett. Er wollte in seiner Familie leben, als sei nichts geschehen.
Große Verzweiflung ergriff Gret, sie glaubte, an irgendeiner Stelle versagt zu haben, fühlte sich weggeworfen, wertlos. Die Enge der Wohnung erdrückte sie, die Schmerzen in den Schläfen waren fast unerträglich. Schlafen, dachte sie, lange schlafen.
Am Ende dieses Weges stand ein kluger, alter Mann, ein Psychologe. „Wenn du Geduld hast zu warten, dann warte. Erfahrungsgemäß hält die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer sehr jungen Frau nicht lange. Warte einfach ab, bis er zu dir zurückkommt. Du kannst aber auch um ihn kämpfen, nur hast du dabei die schlechteren Karten. Im Moment denkt er nicht an euch, an seine Familie, sondern lebt nur nach dem Gefühl.“
Im Büro war sein Verhältnis zu der zwanzig Jahre jüngeren Frau schon lange kein Geheimnis mehr. Als Gret täglich mit müden, verweinten Augen am Arbeitsplatz erschien, sprachen die Kollegen sie an und erzählten von Begebenheiten, die sich im Zusammenhang mit der Anderen zugetragen hatten. Sie wussten auch, dass diese ihren eigenen Mann schon sehr lange hinterging, dass sich immer wenigstens zwei Männer um ihre Gunst bemühten, dass sie in der Mittagspause oftmals in der Werkstatt des Betriebstischlers verschwand. Gret wollte manchmal ihren Ohren kaum trauen. Vergeblich versuchte sie, ihren Mann vom Leichtsinn dieser Frau zu überzeugen. Er glaubte ihr nicht.
Gret kannte nur noch dieses Thema, wenn sie sich mit jemandem unterhielt. Ihr Sohn war fast überfordert mit der Verantwortung für die Mutter, ihre Freundin schlief mit dem Telefon im Bett, um gegebenenfalls im Notfall als Gesprächspartner da zu sein.
Als Grets Not am größten war, tauchte aus dem Dunkel wieder hilfreich der alte Psychologe auf und nahm sich ihrer an. Jeden Montag forderte er ihren Besuch und unternahm dann mit ihr Fahrten in die Umgebung. Sie spazierten über interessante Friedhöfe, saßen in alten Kirchen, er zeigte ihr die ehemaligen Enklaven in Berlin und das museale Zementwerk in Rüdersdorf. Er lehrte sie, wieder zuzuhören und nicht ständig von ihrem Kummer zu reden.
Als ihr Mann davon sprach, ein paar Tage allein in die Berge zu fahren, um den Kopf klar zu bekommen, hoffte sie, dass nun alles wieder gut werden würde. Er erklärte glaubhaft, er würde sich für die Familie entscheiden. Als der Sohn ihn eines abends dort im Hotel anrufen wollte, erfuhr er vom Portier, dass sein Vater eben mit seiner Gemahlin das Haus verlassen habe. Immer wieder Lügen.
Der Psychologe hatte das Buch eines jüdischen Schriftstellers aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und bereitete eine Lesereise vor, um es bekannter zu machen. Auf diese Bildungsfahrt zu verschiedenen Orten Norddeutschlands nahm er Gret mit. Sie erlebte Hiddensee im Februar. Bei ihren ausgedehnten Spaziergängen am Strand geschah, was sie nie für möglich gehalten hatte. Zeit ihres Lebens war sie darauf bedacht gewesen, sich möglichst unauffällig zu bewegen, keine lauten Gefühlsäußerungen zuzulassen. Hier am Meer war ihr plötzlich, als müsse sie laut schreien. Und sie tat es. In Eisregen und Sturm hinein brüllte sie wie ein verwundetes Tier alles aus sich heraus, was sich in der langen Zeit angesammelt hatte.
„Nein“, schrie sie, immer wieder „nein!“ In diesem Nein lag ihre ganze Not und Angst. Angst vor dem Alleinsein, vor dem Verlassensein, dem Nicht-mehr-gebraucht-werden, der Vorstellung, sie würde ins endlose Dunkel gezogen werden, ohne sich wehren zu können, ohne sich wehren zu wollen.
Der Psychologe stand abseits und sprach lange Zeit kein Wort. Er ließ sie gewähren, erkannte nun wohl erst die Größe ihres Leids. Als Gret zur Ruhe gekommen war und wieder auf ihre Umgebung achten konnte, sagte er:
„Lass ihn los, lass ihn einfach los. Ich glaube, jetzt kannst Du es. Beginne einen neuen Lebensabschnitt ohne diesen Mann, der dir so wehgetan hat. Sei offen für etwas Neues in deinem Leben. Nimm aus der Vergangenheit nur mit, woran du dich gern erinnerst. Versuche, auf deinen Mann und diese junge Frau keinen Groll zu hegen, lass das Gewesene in der Vergangenheit ruhen. Nimm es als eine Chance, offen auf andere Menschen zugehen zu können, aus der Enge deines bisherigen Lebens ausbrechen zu können, deinen Horizont zu erweitern, dich selbst zu verwirklichen. Du wirst staunen, wenn du erkennst, was gerade jetzt, mit über fünfzig Jahren Lebenserfahrung alles in dir steckt. Du hast dir nur nie Zeit für dich genommen.“
Immer wieder hatte sie sich an die Worte dieses klugen, alten Mannes erinnert und auch jetzt, in dieser Stunde zwischen Nacht und Morgen, glaubt sie, die Stimme des Freundes zu hören: „Glaube an dich. Du bist stark genug, um neue Wege zu gehen.“
Ein Jahr lang hatte er sie auf ihrem Weg begleitet, dann waren die Treffen seltener geworden. Inzwischen hat sie ihren Platz im Leben und an irgendeinem Tag auch ihr Lachen und ihre alte Fröhlichkeit wiedergefunden. Sie hat sich verändert, sichtbar verändert. Während ihr Mann und die Andere langsam in einen Alltag wechselten, begann Gret, interessante Leute zu suchen, ging auf Meetings, half Menschen in psychischer Not einfach nur durch Zuhören, schrieb sich mit Gedichten und Geschichten ihre Seele frei.
Ehe sie in dieser Nacht ins Bett geht, zieht sie Resümee. Ihr Mann ist wieder ein angenehmer Gesprächspartner für sie geworden. Das Kapitel Lebensgemeinschaft mit ihm ist abgeschlossen. Gern unterhält sie sich hin und wieder mit ihm über mehr als dreißigjährige gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse.  Hass auf die Andere hegt sie nicht, auch wenn sie jeglichen Kontakt zu ihr ablehnt. Sie tut ihr oftmals einfach nur leid. Irgendwann wird diese Frau bemerken, dass sie das Tauziehen nicht gewonnen hat. Was wird ihr dann bleiben? Ein neuer Liebhaber?
Gret will es nicht mehr wissen, dieser Lebensabschnitt ist für sie endgültig beendet. Als die Lichtreklame der Apotheke erlischt, schläft sie mit einem entspannten Lächeln in der Couchecke ein.
                                                        .-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
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Offline krabbi

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #20 am: Juli 24, 2018, 01:17:41 Vormittag »
 

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   Und schon da vorne küsst das Salzwasser den Sand

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #21 am: Juli 24, 2018, 09:50:06 Vormittag »
Danke, krabbi, für die hübsche rote Nelke, die mag ich sehr.
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