Autor: Gretchen1943 Thema: Kleine, fast wahre Geschichten  (Gelesen 519 mal)

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Offline Gretchen1943

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Kleine, fast wahre Geschichten
« am: Mai 22, 2018, 22:23:13 Nachmittag »

Der Wind

Es ist noch früh am Morgen. Ich schaue aus dem Fenster, die Bäume wiegen sich stark im Wind, aber es ist blauer Himmel und Sonnenschein. Ich lasse also die Jacke zu Hause, nehme auch keinen Regenschirm mit und trete vor die Tür.
Huiii, fährt eine Windböe um die Hausecke. Mir ist, als höre ich den Wind sagen:
„Ich heiße Peter, hallo, und wer bist du, kleiner, runder Drops?“
Er bläst mir durch die Haare. Entgegen jeglicher Haarlack-Werbung hat er in einem wilden Augenblick die mühsame Arbeit von Föhn und Bürste zunichte gemacht.
„He“, sage ich trotzdem lachend, „lass das, ich habe einen Termin, da will ich nicht so zerzaust ankommen. Und wieso hast du dir ausgerechnet mich für deine Toberei ausgesucht?“
Mit den Fingern versuche ich, die Frisur zu ordnen. Lachend tanzt er um mich herum. Während meine Hände auf dem Kopf liegen, fährt er mit einem fröhlichen Jauchzen unter meine hellblaue Bluse, bauscht sie auf, verfängt sich im Stoff, wird für einen Moment ganz still.
„Dein schwarzer BH schimmerte verführerisch unter dem leichten Blusenstoff durch“, säuselt er leise, „da konnte ich nicht an mich halten, das wollte ich mir aus der Nähe anschauen.“
Mir ist, als würden mich Hände streicheln, nicht der Wind, sondern die Hände eines Mannes, der mir geschrieben hat, dass sie darauf warten, mich zärtlichst zu berühren. Und von dem ich weiß, dass bei dieser Berührung ganz sicher ebenfalls ein schwarzer BH im Spiel sein sollte.
Unzählige kleine Maulwurfhügelchen wachsen bei diesen Gedanken, Gänsehaut macht sich kribbelnd breit.
„Komm wieder hervor“, sage ich verunsichert, und, um ihn abzulenken, „ich bin Gret. Kleiner, runder Drops dürfen nur Menschen zu mir sagen, die mich sehr, sehr gern haben. Kennst du solch einen Menschen?“
„Vielleicht?“ lacht er leise.
Der wilde Bursche verwandelt sich in meinen Gedanken in einen sanften Mann, den ich von Angesicht noch nicht kenne, dessen Stimme mir aber schon so vertraut ist, dass sie eine Saite in mir zum Klingen gebracht hat, von der ich glaubte, sie sei für eine weitaus längere Zeit, vielleicht sogar gänzlich verstummt.
„Ich habe heute früh schon seine Haut berührt“, provoziert mich der Wind, „willst du einmal fühlen?“
Ich will, ja, und wie ich will. Zart pustet er mir ins Gesicht. Ich schließe die Augen, lege die Hände über sie, will das Erleben festhalten.
„Ist Ihnen nicht gut?“ dringt eine Frauenstimme an mein Ohr.
Mir wird bewusst, dass ich noch immer an der Straßenecke stehe, mit flatternder Bluse und über die Augen gelegten Händen. Vermutlich ein seltsamer und nicht unbedingt alltäglicher Anblick.
Ich öffne die Augen, werde rot, als ich in das besorgte Gesicht einer Nachbarin schaue.
„Mir ist sogar sehr gut“, antworte ich und, um der Situation das Lächerliche zu nehmen, dafür aber etwas Fröhlichkeit zu verleihen, sage ich:
„Ich liebe Wind und diesen hier ganz besonders. Wir reden gerade miteinander.“
So recht kann sie nicht nachvollziehen, wovon ich spreche. Sie ist sicher keine romantische Fische-Frau, der in einem schwarzen BH und bei heftigem Wind solche erotischen Gedanken durch den Kopf gehen.
Die Nachbarin wünscht mir einen guten Tag und geht weiter. Sie wird wieder einmal etwas Gesprächsstoff für die anderen Hausbewohner haben.
Peter, der Wind, hat sich leise verhalten, kichert nur ein wenig unter meiner Bluse. Das kribbelt vielleicht.
„Du Schelm“, sage ich, „wolltest du mich so verwirren?“
„Ja, das war meine Absicht und außerdem ein zärtlicher Gruß von gefühlvollen Pianistenhänden“, antwortet er mir, wird noch einmal unter meiner Bluse aktiv, dann saust er, wiederum mit einem fröhlichen Huiii, um die nächste Hausecke.
Für einen kurzen Moment hinterlässt er in mir ein Gefühl von Küssen, Streicheln, zarten Berührungen, dann bin ich wieder allein. Allein mit irgendeinem anonymen Wind und einer Sehnsucht, von der ich kaum reden kann, die ich nicht einmal recht begreife.
Sie ist trotzdem schön, erregend und sehr wohltuend.
„Tschüss, Peter“, schicke ich diesem ganz bestimmten Wind meine durcheinander gewehten Gedanken nach und hoffe, dass er wieder einmal mit einem Gruß um mich herumwirbelt.
Ich weiß ja, womit ich ihn locken kann: mit meinem schwarzen BH.
(Gretchen, aus: Schwarzer Büstenhalter, erschienen 2007)
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Offline HeyJo

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #1 am: Mai 22, 2018, 22:36:08 Nachmittag »
Toll  :clapping: ein schöner Wirbelwind von vielen netten kleinen Geschichten und Gedichten mit viel Gefühl. Einige könnten so auch in meiner Erinnerung gewesen sein. Nur eben von meiner Seite betrachtet
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Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #2 am: Mai 22, 2018, 22:50:18 Nachmittag »
Danke, HeyJo, dann hattest Du eben auch solch schöne, gefühlvolle Erlebnisse und keine nur oberflächlichen. Ich möchte all das nicht missen, denn dann hätte ich etwas versäumt, was ich heute nicht nachholen könnte. Nicht meines Alters wegen, nur wegen meines Gesundheitszustandes.
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Offline HeyJo

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #3 am: Mai 22, 2018, 22:59:59 Nachmittag »
Darf ich dir ein PN schicken?
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Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #4 am: Mai 22, 2018, 23:25:05 Nachmittag »
Ja, HeyJo, Du darfst und ich würde mich darüber freuen.
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Offline krabbi

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #5 am: Mai 23, 2018, 01:01:33 Vormittag »
Zitat
So recht kann sie nicht nachvollziehen, wovon ich spreche. Sie ist sicher keine romantische Fische-Frau
:im_so_happy:, dass du diesen satz schriebst.... trifft den nagel auf den kopf.....
als ich das erste drittel deiner geschichte las, kam mir der gedanke, 'grit' sei bestimmt ein 'fisch' ;) :laugh:
ja, genau, 'fische' ticken so  --ich nämlich auch :girl_haha:      :tender: :girl_in_love:
   Und schon da vorne küsst das Salzwasser den Sand

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #6 am: Mai 23, 2018, 01:26:11 Vormittag »
Hach, ich musste schmunzeln, denn ich bin tatsächlich ein Fisch.  :laugh:
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Offline Petra

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #7 am: Mai 23, 2018, 07:12:22 Vormittag »
Eine wirklich sehr schöne Geschichte! Du schreibst so herrlich kreativ. Danke, dass du uns teilhaben lässt.  :clapping:

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #8 am: Mai 23, 2018, 10:25:50 Vormittag »
Mein Schreibstil gefiel meiner Verlagsleiterin auch immer sehr, vielleicht lag das daran, dass meine Geschichten und Gedichte sehr selten erfunden waren, sondern in fast allen Fällen erlebtes Leben waren/sind. Zumindest zu 90-95 %, nur ein kleiner Teil von ihnen war "dichterische Freiheit".
Im Moment schreibe ich an einem Projekt für Menschen mit Behinderung. Es macht mir Spaß und mein Sohn ist glücklich, dass ich mich wieder aufgerafft habe. Es war mir nach dem Schlaganfall lange Zeit nicht möglich, meine Gedanken lesbar zu Papier zu bringen.
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Offline Petra

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #9 am: Mai 23, 2018, 11:22:06 Vormittag »
Schön, dass du es wieder kannst und gerne tust. Bitte weiter machen  :bitte: :danke:

Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #10 am: Mai 31, 2018, 23:21:15 Nachmittag »
Noch eine Geschichte:
                                                         
                                                   Frederic

Juliane Werding singt im Radio „Um Mitternacht steht jemand vor der Tür. Ein Mann sagt, bitte öffne, ich erfrier…“  -  ich bin allein, allein mit mir und meinen Träumen.
In dieser Nacht wird mein Mann eine Reise nach Norwegen antreten. Nicht mit mir, nicht mit unserem Sohn und auch nicht mit Angelfreunden, wie er vorgab. Eine Frau hat ihm diese Reise geschenkt, eine Frau, die sich seit Monaten bemüht, ihn mit solchen und ähnlichen Geschenken von uns zu entfernen. Sie ist viel jünger als wir. Ihre erotische Ausstrahlung ist es wohl hauptsächlich, die ihn im Moment so reizt.
Eine kluge Frau hat mir Susanna Kubelkas Buch „Endlich über vierzig“ in die Hand gedrückt mit den Worten: „Lies mal, die Frau weiß, worüber sie schreibt.“
Bereits vom ersten Satz bin ich fasziniert: „Ich kann reinen Gewissens sagen: Ich habe keine Angst vor dem Älterwerden.“
Das glaubte ich bisher auch, aber seit die Jüngere unweigerlich auch in mein Leben getreten ist, bin ich gar nicht mehr so sicher.
Bis jetzt habe ich meine eigene, ganz persönliche Art von Schönheit akzeptiert, jetzt sehe ich sie, so glaube ich jedenfalls, mit seinen Augen. Ich bemerke jede Falte in meinem Gesicht, jede Narbe an meinem Körper, laufe nicht mehr nackt
durch die Wohnung, stehe nicht mehr unbefangen mit ihm im Bad. Jetzt hat er mir das Gefühl gegeben, alt zu sein.
Wer als Frau nicht mehr gelobt, bewundert, geliebt wird, wer spürt, dass er nicht mehr begehrt wird, weil eine Andere diese Zuwendungen erhält, der resigniert
und wird alt. Das habe ich in diesem Buch gelesen und an mir selbst bestätigt gefunden.
Man braucht viel Energie, um sich von einem Menschen, den man liebt und an den man sich in dreißig gemeinsamen Jahren gewöhnt hat, zu lösen. Ich habe diese Energie noch nicht. Umgeben von Glockenblumen, Blauregen, Ehrenpreis, Dreimasterblumen, Lavendel, Phlox, Hortensien und duftenden Gewürzpflanzen sitze ich in unserem blauen Garten und warte. Vielleicht darauf, dass er noch einmal anruft oder dass ein Wunder geschieht und er nicht wegfährt.
Die Schrift im Buch verschwimmt vor meinen Augen. Tränen. Trotz des wunderschönen und warmen Sommerabends gehe ich ins Bett. Ich lasse die Bungalowtür auf, unser Hund liegt so gern auf der Terrasse. Ich starte nochmals die CD von Juliane Werding. Dieses Lied vom Schatten, der den Teufel an die Wand malt, höre ich zur Zeit besonders gern, denn es drückt so ganz meine eigene Stimmung aus.
„Nein, du musst mir nicht öffnen, die Tür ist doch bereits offen, und ich erfriere auch nicht“, klingt plötzlich eine warme Männerstimme in meinen Wachtraum und ein angenehmer Duft verbreitet sich im Bungalow. Die Duftnote ist mir unbekannt, aber sie ist dezent, einschmeichelnd. Ich erwarte keinen Besuch, aber die Stimme tut mir gut. Ich erschrecke seltsamerweise auch nicht, bin lediglich ein wenig verwundert und will aufstehen.
„Bleib liegen, meine Liebe“, sagt der Fremde und streicht sanft mit seinen Händen über mein Gesicht. Wieso lasse ich mir das gefallen? Ich kann mich
doch nicht einfach von einem Fremden streicheln lassen. Doch noch während solche Gedanken durch meinen Kopf gehen, dulde ich seine Hände, wünsche mir, dass er sie so schnell nicht von mir nehmen möge.
„Sag mir die Farbe deiner Augen“, bittet er und lässt sich vor meinem Bett auf die Knie nieder. „Sind sie so blau wie dein Garten?“
Ich bin in meiner grenzenlosen Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit so angreifbar, so verwundbar, jedem, der mir beides geben will, so hilflos ausgeliefert.
„Ich bin Frederic“, sagt er, „ein eselsgrauer Mann, ein Bücherschreiber. Wehre dich nicht, lass dich fallen, ich will dich auffangen und gut zu dir sein.“
Ich spüre seine warmen, zärtlichen Hände, die sich langsam den Falten und Narben auf meinem Körper nähern. Ich bekomme Angst und schäme mich für diese Male meines Lebens, meines Alters. Ich erinnere mich daran, dass mein Mann mir noch vor kurzem gesagt hatte:
„Schau in den Spiegel. Was haben dir deine Hungerkur und deine Operationen eingebracht? Nichts, außer Falten.“
Ich war zutiefst gekränkt gewesen, weil er mich am Alter der dreißigjährigen Geliebten gemessen hatte. Ist Jugend ein Verdienst, hatte ich damals gedacht?
Frederic spürt meine Angst. Meine die Narben schützenden Hände an die Lippen ziehend, sagt er:
„Wofür schämst du dich? Du bist eine gestandene, kluge, liebenswerte, niveauvolle Frau. Ich begehre dich mit meinem Herzen und mit meinem Kopf. Zu diesem Begehren gehört auch, dass ich die Narben, die die Zeit und der Alltag bei dir hinterlassen haben, akzeptiere, ja irgendwie sogar schön finde.“
Dankbar und glücklich lausche ich seinen Worten und greife nach seinem Gesicht. Ich kann sein Lächeln fühlen, er hat Grübchen.
„Meine Augen sind braun“, antworte ich etwas verspätet und eigentlich auch nur, um überhaupt etwas zu sagen, „nicht so blau wie mein Sommergarten.“
Er nimmt mich in den Arm und ich versinke tief in einem Glücksgefühl, nach dem ich mich so sehr gesehnt, das ich so vermisst habe. Ich bin erstaunt über
mich und genieße jede Faser dieses fremden Mannes. Jedes seiner Worte sauge ich förmlich auf, kann es nicht oft genug hören.
Ich glaube, ihn bereits unendlich lange zu kennen, alles an ihm ist mir vertraut. In Momenten, in denen mein Verstand ein wenig die Oberhand gewinnt, bemerke ich, dass er ununterbrochen französische Worte flüstert. Sie klingen so zärtlich, so liebevoll, auch ohne die Sprache zu beherrschen, verstehe ich ihren Sinn.  Ich genieße seine Nähe und wehre mich nicht.
Mein Hund kommt herein und beschnuppert den Fremden erneut. Frederic streicht über den großen Kopf des Tieres und sagt: „Keine Angst, mein Junge. auf mich wartet zu Hause auch solch eine treue Seele, wie du es sicher bist. Ich tue deiner Freundin nichts Böses, morgen hast du sie wieder ganz für dich allein. Pass gut auf sie auf, sie muss lernen, sich ihres Wertes bewusst zu sein.“
Das Tier schaut ihn mit großen, dunklen Augen an. Es ist beruhigt, stößt ihn noch einmal mit der Nase an und geht wieder hinaus auf die Terrasse.
„Folgen alle bedingungslos deiner Stimme?“ frage ich den Mann neben mir.
„Denk nicht darüber nach, mein Herz. Ich bin hier, weil du einsam bist, weil du glaubst, dass dich niemand liebt, niemand dich begehrt, weil du lernen musst, stolz darauf zu sein, DU zu sein.“
Wie wohl mir auch seine Worte tun, kommt doch der Kummer um meinen Mann in mir hoch, und ich schütte Frederic mein Herz aus. Wieso tue ich das?
Der Mann, der mir in dieser Nacht soviel Zärtlichkeit, Güte und Wärme gegeben hat, ist doch sicher gekränkt, wenn ich zu ihm von der großen Liebe spreche, die ich immer noch für meinen Mann empfinde.
Als ich schweige, spricht er, leise wie alle seine Worte in dieser Nacht: „Was du mir heute sagst, wird immer in meinem Herzen verschlossen sein. Was du jetzt fühlst, was du in dieser Nacht erlebt hast, wird immer dein Geheimnis bleiben. Ich bewundere deine Stärke, ich bewundere deinen Kampf um einen Mann, der nicht einmal ahnt, wie schwer dir diese Stärke fällt und wie oft du am Verzweifeln bist. Ich beneide deinen Mann um die grenzenlose Liebe einer so starken und tapferen Frau.“
Wir gehen auf die Terrasse und schauen, eng aneinandergelehnt, in den Sternenhimmel. Frederic streichelt meine Haare.
„Sie sind dünn“, entschuldige ich mich und wiederhole damit Worte, die ich so und härter oft genug von meinem Mann gehört habe.
„Sie sind fein und seidig“, korrigiert Frederic, „und sie duften nach Lavendel. So empfing mich dein blauer Garten, als ich vorhin den Weg zum Bungalow entlangging. Weshalb lässt du zu, dass er alles an dir schlechtmacht? Sei ihm gegenüber kritischer, er ist vermutlich auch kein Adonis. Besinn dich auf dich selbst. Viele Menschen werden dich so lieben, wie du bist. Nimm diese Liebe einfach an.“
Nach einer Pause sagt er: „Der Morgen dämmert, Liebe, ich muss gehen. Das große Auto vor deinem Tor ist sicher ungewöhnlich für diesen kleinen Ort und könnte böse Nachrede verursachen.“
Ich fühle plötzlich, wie die Kühle der Nachtluft in mir aufsteigt. Ich komme mir vor wie Julia bei Shakespeare und habe Angst vor dem kommenden Alleinsein.
„Wärm dich auf“, sagt er, als er mich wieder ins Bett gebracht hat, und deckt mich liebevoll zu. „Ich gehe nicht gern, aber ich kann nicht bei dir bleiben, solange du im Zweifel bist. Denk an mich, wenn du mein Geschenk aus Paris
trägst, und glaube mir, du kannst es tragen. Du kannst alles tragen, wenn liebende Augen dich ansehen. Du musst dich für nichts schämen. Meinen Talisman behalte immer bei dir, auch wenn wir uns nicht mehr begegnen sollten. Er wird dir Lebensmut geben, dir Glück bringen und dich immer wieder daran erinnern, dass du eine begehrenswerte Frau bist, die neben einer ganz besonderen Ausstrahlung auch Herz und Verstand besitzt. Keine falsche Bescheidenheit, kein Resignieren, bewahre Haltung, zeig, aus welchem Holz du geschnitzt bist. Du kannst älter werden mit Stil, Mut und Humor, du musst nicht mit einer Jungen konkurrieren, die all deine guten Eigenschaften und Qualitäten sicher nie erreichen wird, sonst würde sie sich an einem Gleichaltrigen messen, nicht an deinem um so viele Jahre älteren Mann.“
Frederic streicht noch einmal über mein Gesicht, ruft den Hund herein und sagt: „Hüte sie, sie ist im Moment so zerbrechlich.“
Als er die Bungalowtür schließt und durch den blauen Garten zu seinem Auto geht, bin ich wieder allein. Mit Tränen in den Augen schlafe ich ein.
Die Sonne weckt mich. Auf dem Tisch finde ich einige Lavendelzweige aus meinem Garten und eine kleine Plüschmaus mit einem Zettel: „Frederic ist immer bei dir, Frederic hört dir immer zu.“ Daneben liegt eine Bluse. Sie ist ein Traum aus durchsichtigem Chiffon und Spitze  -
                                               ich kann sie tragen!
                                                  .-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.



(Gretchen, geschrieben 1994, erschienen 2008 in: „Blauer Garten“)
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Offline HeyJo

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #11 am: Juni 01, 2018, 01:00:11 Vormittag »
  :blush2:  :girl_in_love: wo ist Frederike ?

 :clapping:   tolle Gedanken die Jeden ansprechen (wie mich - wo ist Frederike? )

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Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #12 am: Juni 01, 2018, 07:51:59 Vormittag »
HeyJo, ich weiß es nicht, Du musst "Deine" Frederike schon selbst finden.  :laugh: Ich hatte das Glück, diesen Frederic bei einer Geburtstagsfeier eines guten Freundes kennenzulernen. Er bemerkte meinen Kummer wegen meines fremdgehenden Mannes und wollte mich näher kennenlernen. Deshalb fuhr er uns nach (mein "Mann" setzte mich ja noch im Garten ab)  und tauchte in meinem "blauen Garten" auf. Irgendwie hat er mir damals wirklich geholfen. Mach die Augen auf, vielleicht ist Deine Frederike näher, als Du glaubst.  :laugh:
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Offline HeyJo

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #13 am: Juni 01, 2018, 10:50:19 Vormittag »
Meine Frederike heißt "S." , doch ist sie im Moment nicht erreichbar. Sie ist bestimmt bald wieder zu Hause.  :yes:
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Offline Gretchen1943

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Re: Kleine, fast wahre Geschichten
« Antwort #14 am: Juni 01, 2018, 12:57:46 Nachmittag »
Ich drücke Dir alle  :laugh: Daumenn HeyJo,  und: Lass Dir etwas einfallen, dann klappt das schon. Ich hätte mir damals diese Geschichte (100 % Wahrheit) auch nicht träumen lassen.  :laugh:
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