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Die Person nach mir...

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Gretchen1943:
Das Thema fasse ich wirklich auf wie "Die Person   n a c h    mir und nicht    n e b e n    mir. Meine Erfahrung dazu:

                                    Die Andere
Draußen dämmert der Morgen. Seit Stunden sitzt Gret unbeweglich in der Couchecke und schaut auf die Lichtreklame der gegenüberliegenden Apotheke. Die Allee ist ruhig geworden, der Lärm des Tages, die Autokolonnen, alles ist einer nächtlichen Trägheit gewichen.
Ist es wirklich schon ein Jahr her, dass ihr Mann ihr gesagt hatte, er habe sie nicht mehr lieb? Durch dreißig Jahre sind sie gemeinsam gegangen, ein halbes Menschenleben lang. Sie hatte bereits gespürt, dass da etwas anders war in ihrer Beziehung, aber das Vertrauen zu ihm war größer als ihr Misstrauen. Erst als die Angst ihr wie ein großer Stein auf der Brust lag, stellte sie ihn zur Rede.
„Ich habe eine Andere lieb“, sagte er, „ich habe es nicht gewollt, es ist eben so gekommen.“
Sie war wie vor den Kopf gestoßen. „Nein“, flüsterte sie, „nur das nicht. Bitte sag, dass es nicht wahr ist.“
Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie weinte tonlos.
„Weine doch nicht, ich will euch doch nicht wehtun“, sagte er, „aber sie ist so ganz anders als du, so etwas habe ich noch nie erlebt.“
Gret konnte nicht reden, keinen klaren Gedanken fassen. Ihren starren Blick nahm er als Aufforderung und erzählte leise: „Du kennst sie, sie war eine Kollegin von mir, ich habe sie manchmal zu Hause abgeholt. Sie führt keine gute Ehe, ist viel allein, weil der Mann auswärts arbeitet. Sie sagt, sie habe ihr Leben lang auf mich gewartet und könne nun ohne mich nicht mehr leben. Du warst meine erste Liebe, ich hatte keine Erfahrungen. Ich glaube, nun muss ich etwas nachholen, lass mir einfach Zeit, ich muss darüber nachdenken.“
Gret wusste später nicht, wie sie die folgende Zeit ertragen hatte. Wenn er sich zu Hause aufhielt, wartete er ständig unruhig auf einen Anruf. War es soweit, wusste er, der Mann der Anderen war wieder abgefahren und sie erwartete Grets Mann. Gegen Morgen kam er dann zurück und legte sich müde ins Bett. Er wollte in seiner Familie leben, als sei nichts geschehen.
Große Verzweiflung ergriff Gret, sie glaubte, an irgendeiner Stelle versagt zu haben, fühlte sich weggeworfen, wertlos. Die Enge der Wohnung erdrückte sie, die Schmerzen in den Schläfen waren fast unerträglich. Schlafen, dachte sie, lange schlafen.
Am Ende dieses Weges stand ein kluger, alter Mann, ein Psychologe. „Wenn du Geduld hast zu warten, dann warte. Erfahrungsgemäß hält die Beziehung zwischen einem alten Mann und einer sehr jungen Frau nicht lange. Warte einfach ab, bis er zu dir zurückkommt. Du kannst aber auch um ihn kämpfen, nur hast du dabei die schlechteren Karten. Im Moment denkt er nicht an euch, an seine Familie, sondern lebt nur nach dem Gefühl.“
Im Büro war sein Verhältnis zu der zwanzig Jahre jüngeren Frau schon lange kein Geheimnis mehr. Als Gret täglich mit müden, verweinten Augen am Arbeitsplatz erschien, sprachen die Kollegen sie an und erzählten von Begebenheiten, die sich im Zusammenhang mit der Anderen zugetragen hatten. Sie wussten auch, dass diese ihren eigenen Mann schon sehr lange hinterging, dass sich immer wenigstens zwei Männer um ihre Gunst bemühten, dass sie in der Mittagspause oftmals in der Werkstatt des Betriebstischlers verschwand. Gret wollte manchmal ihren Ohren kaum trauen. Vergeblich versuchte sie, ihren Mann vom Leichtsinn dieser Frau zu überzeugen. Er glaubte ihr nicht.
Gret kannte nur noch dieses Thema, wenn sie sich mit jemandem unterhielt. Ihr Sohn war fast überfordert mit der Verantwortung für die Mutter, ihre Freundin schlief mit dem Telefon im Bett, um gegebenenfalls im Notfall als Gesprächspartner da zu sein.
Als Grets Not am größten war, tauchte aus dem Dunkel wieder hilfreich der alte Psychologe auf und nahm sich ihrer an. Jeden Montag forderte er ihren Besuch und unternahm dann mit ihr Fahrten in die Umgebung. Sie spazierten über interessante Friedhöfe, saßen in alten Kirchen, er zeigte ihr die ehemaligen Enklaven in Berlin und das museale Zementwerk in Rüdersdorf. Er lehrte sie, wieder zuzuhören und nicht ständig von ihrem Kummer zu reden.
Als ihr Mann davon sprach, ein paar Tage allein in die Berge zu fahren, um den Kopf klar zu bekommen, hoffte sie, dass nun alles wieder gut werden würde. Er erklärte glaubhaft, er würde sich für die Familie entscheiden. Als der Sohn ihn eines abends dort im Hotel anrufen wollte, erfuhr er vom Portier, dass sein Vater eben mit seiner Gemahlin das Haus verlassen habe. Immer wieder Lügen.
Der Psychologe hatte das Buch eines jüdischen Schriftstellers aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und bereitete eine Lesereise vor, um es bekannter zu machen. Auf diese Bildungsfahrt zu verschiedenen Orten Norddeutschlands nahm er Gret mit. Sie erlebte Hiddensee im Februar. Bei ihren ausgedehnten Spaziergängen am Strand geschah, was sie nie für möglich gehalten hatte. Zeit ihres Lebens war sie darauf bedacht gewesen, sich möglichst unauffällig zu bewegen, keine lauten Gefühlsäußerungen zuzulassen. Hier am Meer war ihr plötzlich, als müsse sie laut schreien. Und sie tat es. In Eisregen und Sturm hinein brüllte sie wie ein verwundetes Tier alles aus sich heraus, was sich in der langen Zeit angesammelt hatte.
„Nein“, schrie sie, immer wieder „nein!“ In diesem Nein lag ihre ganze Not und Angst. Angst vor dem Alleinsein, vor dem Verlassensein, dem Nicht-mehr-gebraucht-werden, der Vorstellung, sie würde ins endlose Dunkel gezogen werden, ohne sich wehren zu können, ohne sich wehren zu wollen.
Der Psychologe stand abseits und sprach lange Zeit kein Wort. Er ließ sie gewähren, erkannte nun wohl erst die Größe ihres Leids. Als Gret zur Ruhe gekommen war und wieder auf ihre Umgebung achten konnte, sagte er:
„Lass ihn los, lass ihn einfach los. Ich glaube, jetzt kannst Du es. Beginne einen neuen Lebensabschnitt ohne diesen Mann, der dir so wehgetan hat. Sei offen für etwas Neues in deinem Leben. Nimm aus der Vergangenheit nur mit, woran du dich gern erinnerst. Versuche, auf deinen Mann und diese junge Frau keinen Groll zu hegen, lass das Gewesene in der Vergangenheit ruhen. Nimm es als eine Chance, offen auf andere Menschen zugehen zu können, aus der Enge deines bisherigen Lebens ausbrechen zu können, deinen Horizont zu erweitern, dich selbst zu verwirklichen. Du wirst staunen, wenn du erkennst, was gerade jetzt, mit über fünfzig Jahren Lebenserfahrung alles in dir steckt. Du hast dir nur nie Zeit für dich genommen.“
Immer wieder hatte sie sich an die Worte dieses klugen, alten Mannes erinnert und auch jetzt, in dieser Stunde zwischen Nacht und Morgen, glaubt sie, die Stimme des Freundes zu hören: „Glaube an dich. Du bist stark genug, um neue Wege zu gehen.“
Ein Jahr lang hatte er sie auf ihrem Weg begleitet, dann waren die Treffen seltener geworden. Inzwischen hat sie ihren Platz im Leben und an irgendeinem Tag auch ihr Lachen und ihre alte Fröhlichkeit wiedergefunden. Sie hat sich verändert, sichtbar verändert. Während ihr Mann und die Andere langsam in einen Alltag wechselten, begann Gret, interessante Leute zu suchen, ging auf Meetings, half Menschen in psychischer Not einfach nur durch Zuhören, schrieb sich mit Gedichten und Geschichten ihre Seele frei.
Ehe sie in dieser Nacht ins Bett geht, zieht sie Resümee. Das Kapitel Lebensgemeinschaft mit ihrem Mann ist abgeschlossen. Hass auf die Andere hegt sie nicht mehr, auch wenn sie jeglichen Kontakt zu ihr ablehnt. Sie tut ihr oftmals einfach nur leid. Irgendwann wird diese Frau bemerken, dass sie das Tauziehen nicht gewonnen hat. Was wird ihr dann bleiben? Ein neuer Liebhaber?
Gret will es nicht mehr wissen, dieser Lebensabschnitt ist für sie endgültig beendet. Als die Lichtreklame der Apotheke erlischt, schläft sie mit einem entspannten Lächeln in der Couchecke ein.

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