Autor: Mathis Thema: Altehrwürdige Studien - und ihre Reformresistenz  (Gelesen 1871 mal)

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Offline Mathis

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Altehrwürdige Studien - und ihre Reformresistenz
« am: Januar 30, 2016, 12:35:13 Nachmittag »
Jeder Studieninteressierte wird dieser Tage zumindest an den deutschen Hochschulen mehr oder weniger von einem Studium seiner Wahl und Leidenschaft abgehalten und durch den als "Numerus Clausus" bezeichneten Beschränkungsintervall vorsortiert. Doch solange zukünftige Studierende durch eine reine Quantifizierung einer Bewertung über die Studientauglichkeit unterzogen werden, drängen sich mir ganz grundsätzliche Fragen über die Sinnhaftigkeit einer solchen Studienbeschränkung auf. Den sind es wirklich die numerisch und willkürlich erreichten Leistungen, die uns in unserer Verantwortung als Menschen auszeichnen? Diese Frage sollten sich die Hochschulen und die Legislative immer wieder stellen, denn die hauptsächlich betroffenen Berufsfelder der Zahn-, Human- und Veterinärmedizin, Pharmazie und Jurisprudenz zeichnen sich weniger durch ihren Berufsethos, als vielmehr durch ihre soziale Verantwortung gegenüber anderen Menschen aus.

Doch nicht nur in der Auswahl der Studierenden sehe ich deutlichen Reformbedarf. Auch was die Studienfächer und ihre Aufbereitung per se betrifft zeigen sich zu viele veraltete und reformbedürftige Strukturen. Die Studiengänge beruhen größtenteils auf alten fächerbasierenden Unterrichts- und Lehrformen und lassen die multidisziplinären Ansprüche späterer Berufstätigkeit weitgehend außer Acht. Trotz eines latenten Ärztemangels und dem Wissen, dass in Zeiten großer und massenhafter Völkerbewegungen und der populistischen Meinungsmache - seitens rechtsnationaler und konservativer Kreise - eine funktionierende und menschenwürdige Justiz unser größter Schutz sind, wird weder an der deutschen Studienplatzsituation nachhaltig verbessert, noch das Reformpotenzial des Hochschulstudiums ausgeschöpft.

Was sind Eure Eindrücke und Meinungen zu dieser Situation?

- Mathis

Offline Schwarze_Wolke

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Re: Altehrwürdige Studien - und ihre Reformresistenz
« Antwort #1 am: Januar 31, 2016, 13:56:08 Nachmittag »
Hallo Mathis!

Ersteinmal: Schön, dass du zu uns gefunden hast!

Da hast du aber zu Beginn ein kniffliges Thema rausgesucht.
Ich selbst habe weder Medizin noch Jura studiert, sondern Chemie im Bereich der Angewandten Naturwissenschaften, vollkommen ohne NC. Wobei ich auch sehr froh drüber bin, denn ich hab mit 2,3 keinenwirklich schlechten Notendurchschnitt gehabt. Aber wenn ich mir den aus so manchen Bereichen angucke, hätte ich ja 5 Jahre warten müssen, in denen ich nichts sinnvolles hätte machen können. Eine Ausbildung z.B. zählt da ja nicht als Wartezeit. Das System dahinter find ich ja auch nicht so besonders fair. Denn angenommen, du hast einen Schüler, der perfekt geeignet wäre für einen bestimmten Studiengang, ist sogar in den relevanten Fächern super, hat aber in Religion oder Sport oder Kunst ne 4, zack ist der Studienwunsch für die Füße. Gerechter fände ich es, wenn man z.B. sich wie bei einem potentiellem Arbeitgeber bewerben müsste. So richtig mit Bewerbungsmappe, Motivationsschreiben und co. In denen auch Praktikas und Ausbildungen wohlwollend angerechnet werden. Und die, die in die nähere Auswahl kommen, müssen einen schriftlichen Auswahltest absolvieren, in dem der Mindest-Kenntnisstand abgefragt wird.
Wir hatten im Studium das Phänomen, das es wahrscheinlich überall gibt: Im ersten Semester hatten wir dermaßen viele Studenten, dass man meist keinen Sitzplatz bekam, wenn man nicht 20 Minuten vor der Tür stand. Und die ersten Klausuren waren dermaßen knifflig, dass die Profs keinen Hehl daraus gemacht haben, dass es Sieb-Fächer waren. So mitte 2. Semester waren wir plötzlich nur noch 60% der Studierenden, von denen dann auch fast alle ihren Abschluss gemacht haben. Für die 40% wäre es meiner Meinung nach besser gewesen, sie hätten bereits zu Beginn eine Vorstellung von dem bekommen können, was auf sie zukommt.
« Letzte Änderung: Januar 31, 2016, 13:58:39 Nachmittag von Schwarze_Wolke »

Offline Mathis

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Re: Altehrwürdige Studien - und ihre Reformresistenz
« Antwort #2 am: Januar 31, 2016, 17:08:32 Nachmittag »
Hallo Wolke,

schön, dass du so ausführlich antwortest.
Die Thematik betrifft in den bundesweit beschränkten Bereichen ja vorrangig die Zulassungsbeschränkungen in den medizinischen Studiengängen, inzwischen ist aber hochschulintern so gut wie jeder Studiengang mit einem NC belegt, der sich meist nur in den künstlerischen Fächern und Sport durch eine Eignungsprüfung lockern lässt.
Die Frage betrifft allerdings ja auch die Wirkung und Aussagekraft von Noten und ihre Möglichkeit Chancen und Potenziale aufzudecken oder eher zu verschütten.

Und meines Wissens sind auch alle angewandten Naturwissenschaften NC-belastet, wobei hier und das sagtest du ja bereits auch besonders gerne das Gros der Studierenden in den ersten Semestern rausgestürzt wird. Ich finde, dass man die dafür ausgegeben Finanzmittel sinnvoller investieren könnte und vor allem die Nerven und die Vita der Studierenden besser schützen könnte. Die Taktik in den ersten Semestern zu viele Studierende zuzulassen sorgt ja nur für studieninternen erhöhten Leistungsdruck, dadurch aber nicht zwangsläufig für bessere Ergebnisse.

Dein Vorschlag ist schon sehr richtig, zumindest können sich durch direkte Bewerbungen besser die Möglichkeiten potenzieller Studierender abschätzen. Leider sind aber gerade die staatlichen Hochschulen inzwischen bürokratisch verklausuliert und lassen gar nicht so leicht Auswahltest als eigene Aufnahme zu.

Früher oder später müssen sich die Universitäten da neu ausrichten.

- Mathis

 

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