Autor: kunstmalerdon Thema: Der Wurzelsepp  (Gelesen 855 mal)

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Offline kunstmalerdon

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Der Wurzelsepp
« am: Juli 30, 2013, 17:35:01 Nachmittag »

Beitrag: #1Der Wurzelsepp
Theobald Meerweiß und die Traummaschine

Ganz weit hinten im Siebenerwald, dort wo eigentlich nur noch die ganz mutigen Kinder durch das enge Geflecht des Unterholzes hinfinden war die geräumige Werkstatt von Meister Theobald Meerweiß. Er war von Beruf Wurzelsepp. Und er liebte die Kinder des Waldes auf seine Art. Das heißt er liebte sie ohne Bedingung, so wie die wahre Liebe es voraussetzt.
Jedes Kind konnte zu ihm kommen und ihn um Rat fragen, wenn die so genannten Erwachsenen den Kindern Probleme bereiteten.
Sein Grundsatz hieß: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht einmal die Aufnahmeprüfung für die Uni des Lebens bestehen.“ So ähnlich hatte sich schon mal jemand geäußert.
Jetzt stand er allein vor einem großen Werktisch und zeichnete mit seiner linken Hand Linien und Verbindungen auf eine weiße Rinde. Seine linke Hand hieß „Ich weiß alles“ und die Rechte folgerichtig „Ich kann alles“.
Und jetzt grade ließ er seine linke Hand eine Bauzeichnung herstellen für eine neue Maschine, die einige Schüler bei ihm bestellt hatten. Und er hatte auch schon eine Idee. Eine vage Vorstellung wie diese Traummaschine wirken sollte. Wenn er soweit war, dann schaltete er für gewöhnlich auf Durchzug in seinem Gehirn. Das bedeutete, er machte in seinem „Gehirnkastel“ eine Tür auf, durch die seine Gedanken hereinkommen konnten und gleichzeitig öffnete er genau gegenüber ebenfalls eine Tür, wo dieselben Gedanken ohne weiter zu stören auch gleich wieder davonfliegen konnten.
So war er sicher dass seine linke Hand alleine von seiner Eingebung geleitet wurde, wenn sie die Einzelheiten seiner Idee in einer Zeichnung vorbereitete. Und deswegen musste er auch allein sein, solange er in diesem Stadium an irgendetwas arbeitete.
Frantisek Fadennetz, ein Professor der Waldspinnen hatte ihm dafür direkt ein großes Netz vor der Abzweigung zu seinem Reich gesponnen, so dass ein Zugang für Unbefugte nicht so leicht möglich war.
Und nach und nach füllte sich die Rinde mit Zeichen, Linien Verbindungen und Schaltern, bis die rechte Hand dazwischen ging und die Rinde jetzt übernahm ehe es zu unübersichtlich wurde.
Und jetzt schaltete Theobald sein Gehirn wieder ein, denn es galt das Ganze erst einmal zu verstehen.
„Aha“, sagte er zu sich selber, denn es war noch niemand anderes hier, „Aha“, das sehe ich auch so. Aber hier, woraus mache ich den Kessel und überhaupt wozu?“
Er hatte schon früh erkannt, sobald er sich die richtigen Fragen stellte, ließen die möglichen Antworten nicht lange auf sich warten. „Also, in den Kessel muss etwas hinein. Und hier unten ist die gut isolierte Stelle für einen erkalteten Lavabrocken.“
Die Stelle musste aber wirklich gut isoliert sein, denn selbst ein erkalteter Lavastein war so heiß, dass er den Kessel für Stunden zum Kochen bringen konnte.
Das Windrad darüber musste einen ziemlichen Umfang haben, denn es sollte wohl die aufsteigenden Dämpfe irgendwohin befördern. Natürlich in das anschließende Schlauchsystem zur zielgenauen Weiterleitung.
„Aha“, sagte er wieder zu sich selbst, denn das Prinzip leuchtete ihm jetzt ein. Wenn im Kessel etwas kochte, das die Träume in eine bestimmte Richtung lenken konnte, dann brachte die Windmaschine die Dämpfe über das Schlauchsystem zu dem Schlafenden und so konnte der dann die gewünschten Träume haben. Für die Traumbeeinflussung brauchte er nur in seinem Notizbuch nachzuschlagen, denn so etwas hatte er schon einmal gemacht. Und er brauchte dazu, …..und sein Zeigefinger blätterte und blätterte, …..und er brauchte dazu …. Ach ja, hier: Einen Nachtpilz namens psyllum fantasti.
Der musste hochprozentig gebrannt werden und abgeschmeckt mit den Gewürzen für seinen berühmten Kräuterlikör „Wurzelknacker“ konnte dem Gebräu niemand widerstehen.
Jetzt war ihm alles klar und er konnte sich der Führung seiner rechten Hand anvertrauen, um diese Maschine herzustellen.
Schon nach kurzen sieben Stunden war die Arbeit getan und er hatte sie zum besseren Transport noch auf vier selbst laufende Räder gestellt.
Alles war fertig, bis auf das Wichtigste. Die Kinder mussten her, denn psyllum fantasti konnte zwar beeinflussen aber in welche Richtung, das mußten die Kinder ihm noch erklären. Gedacht war das Ganze nämlich für Professor Korrecti-Knotenstock, der die Kinder der Waldschule gelegentlich mit Aufgaben überforderte, die sie später im wirklichern Leben nur brauchen konnten, wenn sie die zwölfstrahlige Potenzwurzel einer Karotte berechnen wollten. Aber wann braucht man schon so etwas!
Und über diese Berechnungen stand eine Klausurprüfung bevor.
Theobald stopfte sich also erst einmal gemütlich eine Pfeife mit getrockneten Himbeerblättern, steckte sie an, machte genussvoll
die ersten Züge, dann steckte er wieder, und zwar die Finger in den Mund und ein gellender Pfiff rief seinen Boten Volker Vlinkfuß den Rammler zu sich.
„Na, wie geht’s, wie steht’s?“ fragte Theobald den Volker.
„Kannst Du mir eben mal die Kinder holen, ich komm sonst nicht weiter!“
„Na klar, Theo“, sagte der Rammler, „obwohl ich grad einer ganz jungen, süßen Häsin die Grundlagen des Bevölkerungswachstums erklären wollte, ich mach das mal eben“!
Und es dauerte nicht lange, da kamen sie schon durchs Unterholz gestrampelt. Allen voran Baldur, der rothaarige Sohn des Schenkenwirts Wolli. Dann Loli Lichtfee, die uneheliche Tochter der Hebamme Paula Pressen. Der Streber Max mit dem korrekten Mittelscheitel und Pankratz, der Sohn des Nachtwächters Schleifbein.
Die vier hatten Theobald beschworen, ihnen zu helfen. Denn sie sprachen für alle anderen aus ihrer Klasse.
Stolz zeigte Theobald seine Traummaschine und erklärte ihre genaue Arbeitsweise.
„Ja,“ sagte er, “ und was soll er nun träumen der Korrecti-Knotenstock?“
Der rothaarige Baldur meinte, man könnte ihn dazu bringen, dass er immer die Anfangsbuchstaben der Worte vertauschte,
z. B.: „ Im Grinterhund einer Grappelpuppe saßen ein Leichenzehrer und ein Mulchscheister und malten die Rattenschisse ihrer freelichen Sauen, von denen eine Schilefürzchen stickte und die andere am Buchenkacken war.“
„Ach nee“, sagte Loli Lichtfee, „das ist zu einfallslos. Viel besser ist es, wenn er seine blöden Allgemeinplätze loslässt, dass er keinen einzigen sinnvoll zu Ende bekommt, sondern alles verunsinnt.“
„Wie meinst Du das?“
„Na zum Beispiel: Descartes: Ich denke, also bin ich hier falsch!
Oder: Der Klügere gibt nach, solange, bis er der Dümmere ist.
Oder: So einen schönen Oktobertag hatten wir den ganzen August nicht.
Oder jetzt zur Olympiade: Nicht Siegen ist wichtig, sondern nur dabei sein und gewinnen“.
Pankratz meinte, “Vielleicht reicht es schon, wenn er nur stottert.
Zum Beispiel: Be,be,be…Berlin“.
Aber die beste Idee hatte Max, der Streber mit dem Mittelscheitel.
Der größte Erfolg wäre doch, wenn Korrecti-Knotenstock selbst in einer Prüfung säße. Zum Beispiel, wenn der Schulrat Dr. Jacobus Protz nicht nur zum jährlichen Besuch käme, sondern eine Überprüfung der pädagogischen Fähigkeiten von Korrercti-Knotenstock angesagt wäre. Dann könnte sich die ganze Klasse vorbereiten und ihm seine ätzend überhebliche und ironische Art, die Schüler mit abseitigen Wortkombinationen und absolut undurchschaubaren Wortzusammenhängen zu quälen heimzahlen.
Das fanden alle superexorditantiös und sie einigten sich darauf.

Für Theobald war dann schnell klar, was er noch als Beigaben zu psyllum fantasi brauchte: Ysop, Quendel, Weihrauch und Brennnessel.
Die Zutaten waren schnell besorgt und am Abend trafen sich alle vor dem hochherrschaftlichen Baumhaus des Professors.
Der Mond war an diesem Abend grad zu einer Wellnesskur im Schönheitssalon, zwecks Auffrischung seiner Erscheinung.
So war es leicht die Traummaschine in Bereitschaft zu stellen, das Schlauchsystem so zu befestigen, dass es grade vor dem Fenster des Professors endete und zu warten bis das Licht im Haus ausging und sich alle zum Schlafen gelegt hatten.
Den Kessel füllen, die Kräuter und die Pilze ins Wasser geben und schon nach wenigen Minuten konnten alle verfolgen, wie der betörende Dampf in das Schlafzimmerfenster des Professors kroch und seine Wirkung entfaltete.
Und der Traum wurde zur Realität für den Professor Korrecti-Knotenstock.
Es ist 8.00 Uhr; Unterichtsbeginn.
Nur die halbe Klasse ist besetzt. Der Professor steht händeringend an der Tafel. Er zählt die Häupter seiner Lieben und kommt statt vierzehn nur auf sieben. Er stammelt etwas von hibernias cocos, einer gemeinen Waldstechmücke, die eine plötzliche Schlafepidemie ausgelöst habe.
In diesem Moment kommen die angeblich Kranken fidel in die Klasse grüßen salopp, “Moin, Moin Alter“ und fläzen sich in die Bänke.
Er stellt die Zuspätkommer zur Rede: Nun, Pankratz, was haben Sie mir zu sagen? Warum kommen Sie zu spät?
Aber der reagiert ausgesprochen familiär: “Hey Alter, jetzt lass bloß nicht den Harten raushängen, bloß weil Dein Boss dahinten sitzt! Sonst biste doch auch nicht so pieke“.
Professor Korrecti-Knotenstock steht kurz davor, jetzt das H-B-Männchen zu machen, sein Kopf ist feuerrot angelaufen, seine angenommene Überlegenheit ist im Eimer, seine pädagogischen Fähigkeiten stark ramponiert.
Wolli hat sich in der Zwischenzeit eine Zigarette angesteckt, nicht heimlich, ganz offen. Und als der Professor auf ihn zugeht, fragte er: Willste auch eine, Alter?
Der Professor lehnt empört ab.
Die Schüler sind vollkommen durcheinander.
Franka, die Potente meint, dass Karl der Große und Alexander der Große Zwillingsbrüder seien, die gemeinsam im Colosseum gegen die Toten Hosen angetreten seien.
Und Max der Streber mit dem Mittelscheitel antwortet auf die Frage nach Shakesspeare’s Grundaussage mit: Baby or not to be.
Und er ergänzt noch nachfragend: „Sagen Sie bitte, wenn ich meine Bierflasche schüttele, bin ich dann der Deutsche Shakes Bier“?
Verzweifelt greift der Professor nach seinem Joker:
Jean, der Sohn der Französisch-Lehrerin soll übersetzen:
„L’appetit vient en mangeant.“ Und der strahlt ihn unverwandt an, während er übersetzt: „Die Kleine kommt beim Essen.“
Das war das Ende für Korrecti-Knotenstock. Mit hochrotem Kopf und einem Puls über 200 packt er seine Tasche und verschwindet aus dem Klassenzimmer.
Kaum ist er raus geht Max mit dem Mittelscheitel an den Lehrerschrank, öffnet ihn und statt der üblichen Lehrmittel erscheint ein gut bestückte Hausbar. Hier genehmigt er sich selbst einen Cognac und schaut fragend zum Schulrat Protz, der bei einem Whisky dankbar nickt. „So eine Pleite“, sagt er “wenn ich das nur geahnt hätte wäre ich schon früher gekommen“. Aber Max tätschelt ihm die Schulter: “Ganz ruhig Opa, der „Knoti“ ist schon ganz o.K. auch wenn er auf Jungen steht.“
Und da fiel Protz in Ohnmacht und Professor Korrecti-Knotenstock wachte schweißgebadet auf.
Die Gruppe vor dem Fenster des Professors verzog sich.
Ein jeder schlich sich vorsichtig nach Hause.
Unterwegs fragte Loli Lichtfee noch Max, den Streber: Sag mal weißt Du eigentlich, warum der Theobald Meerweiß so heißt?
„ Genau genommen Nein!“
„ Na weil er viel “Mehr weiß“ als alle andern Professoren, und alle Schüler verneigten sich dankbar vor Meister Meerweiß.
Wie aber die Klausurprüfung an diesem und an den folgenden Tagen verlief das kann sich jetzt jeder selbst ausmalen.
kunstmalerdon

Offline Ugge

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Re: Der Wurzelsepp
« Antwort #1 am: August 25, 2013, 15:30:25 Nachmittag »

Der arme Professor Korrecti-Knotenstock.  :Helga:  Wie gut, dass das alles nur ein Traum war.  :biggrin:

Wieder einmal eine schöne Geschichte, vielen Dank, Don!  :im_so_happy:


Nebenbei gesagt: Mir scheint, dass heute nicht der Mond, sondern die Sonne eine Wellnesskur macht, denn ich hab sie den ganzen Tag noch nicht gesehen. So einen trüben Oktobertag hatten wir den ganzen August noch nicht....  ;)


Offline Teufelchen

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Re: Der Wurzelsepp
« Antwort #2 am: August 30, 2013, 15:15:39 Nachmittag »
WURZELSEPP?

Kenn ich nur als Abführ-Tee  :kiss:
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Offline Ostseefrollein

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Re: Der Wurzelsepp
« Antwort #3 am: August 30, 2013, 20:10:34 Nachmittag »




Wurzelsepp, das war einer meiner Lieblingsläden in meiner ehemaligen Heimat:


http://www.wurzelsepp-nuernberg.de/    :declare:


LG vom Ostseefrollein :Lilly:


Also spricht der Fatalist: Du musst werden wie Du bist.
*Wilhelm Busch*


 

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