Autor: kunstmalerdon Thema: Johan Nepomuk von und am Eise  (Gelesen 1078 mal)

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Offline kunstmalerdon

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Johan Nepomuk von und am Eise
« am: September 04, 2011, 19:42:15 Nachmittag »
Johann Nepomuk vom und am Eise

Das Schöne in unserem Zaubergarten ist der Platz der zwei Welten. Immer wieder treffe ich dort neue Unbekannte immer wieder gibt es Ausblicke in andere Welten von denen ich bisher meist nicht viel Ahnung hatte.
Bei meinem letzten Besuch dort tauchte während einer meditativen Auszeit ganz langsam aber sehr deutlich ein Wesen in meinen Gedanken auf, das sich sehr bald vorstellte: „Guten Abend Don, wir haben schon viel von Dir gehört. Ich möchte mich gerne vorstellen: Mein Name ist Johann Nepomuk vom und am Eise. Aber Du wirst mich bald nur Johnny nennen, das ist nicht so steif und förmlich. Ich bin bei uns Ameisen nämlich so etwas wie bei euch Menschen ein Philosoph.“
Oho, dachte ich, ein sehr passender Name, und ich lud ihn ein zu einem kleinen Plausch mit mir. „Sicherlich hast Du doch einen bestimmten Grund, Dich hier mit mir zutreffen.“
„Ach ja, kam es erleichtert zurück, sag mal, kannst Du mir sagen, warum ihr Menschen so unheimlich stolz und überheblich seid? Natürlich nicht alle, aber eben doch sehr viele! Aber wirklich, ihr habt doch wohl ein sehr gefährliches Weltbild“
„Ja, das ist wohl so, weil viele Menschen ihre Umwelt an ihrer eigenen Größe messen. Und im Vergleich zu uns Menschen seid ihr Ameisen eben doch viel kleiner. Und gegenüber kleineren Wesen ist es eben sehr einfach sich selbst als die „Krone der Schöpfung“ zu sehen.“
„Nun aber Don, so blöd kann man doch eigentlich nicht sein, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen: Schau mal, wir sind sehr anpassungsfähig, wir leben sowohl in Wüsten, wie auch im Hochgebirge. Wir sind in der Kälte Sibiriens zu Hause, wie ebenfalls in euren Städten. Also da gibt es kaum Unterschiede. Und unsere 12.000 Arten haben sicherlich über zehn Billiarden an Individuen hervorgebracht, was gleichzeitig bedeutet, alle Ameisen der Erde bringen auch mehr Gewicht auf die Waage als alle lebenden Menschen!“
„Wirklich? Ja, das habe ich so auch noch nicht gesehen. Aber schau mal wir Menschen haben doch im Bereich der Technik und der Wissenschaft soooo viel  erreicht, dass es schon normal sein könnte zu denken wir seien etwas Besonderes.“
Und da schaute mir Johnny ganz tief in die Augen und sagte sehr langsam und bedeutungsvoll:
„Weist Du, ich habe gehört, Du seiest recht intelligent, aber dennoch ein durchaus  annehmbarer Zeitgenosse! Aber dann kannst Du doch wohl so einen Unsinn nicht wirklich weiterverbreiten! Bloß weil jemand nicht viel weiß, kann er doch nicht glauben alle anderen Bewohner unserer Erde seien technisch und im Bereich Wissenschaft weniger entwickelt als ihr. Schau doch nur mal ein einziges Volk von uns an. Was haben wir da nicht alles gebaut um unsere Bürger unterzubringen!  Eine ausgewachsene Kolonie Blattschneiderameisen kann bis zu acht Millionen Arbeiterinnen zählen und zum Bau ihres Nests haben sie bis zu 40 Tonnen Erde bewegt. Und das bitte bei der Körpergröße von uns Insekten. Und unser Straßensystem, da kann ich nur lachen, wenn ich in euren TV Sendungen ewig von Staumeldungen höre.
Und weißt Du, das allerbeste haben wir da noch gar nicht einmal angesprochen.  Wir haben für uns eine ganz andere Form des gemeinsamen Lebens entwickelt. Und darüber wollte ich eigentlich mit Dir reden. Es ist nämlich höchste Zeit, dass da mal etwas mehr an Erkenntnis bei euch Platz greift, denn wir hören von überall her, dass die Gefahr für uns alle groß ist: Ihr seid nahe dran, unsere gemeinsame Welt in die Luft zu jagen!!! Und dazu kann ich nun nicht gratulieren, dass eure Wissenschaftler zusammen mit euren Politikern schon imstande sind solche „Wahnsinnsleistungen „ zu produzieren.“
Nach so einer langen Rede musste ich erst einmal schlucken. Aber Johnny hatte recht, wenn wir uns eine einzelne Ameise genauer ansehen, dann stellen wir fest, dass da an Gehirn viel weniger vorhanden ist als bei uns und  dass Ameisen eigentlich nur über recht dürftige Sinnesorgane verfügen, mit denen sie die Welt wahrnehmen können. Außerdem ist ihr Nervensystem nicht großartig ausgebildet und kann nur eine begrenzte Zahl von Reizen verarbeiten; ihr Erinnerungsvermögen reicht nur wenige Stunden in die Vergangenheit zurück. So nimmt es nicht Wunder, dass  eine einzelne Ameise alleine nicht lange überleben würde.
An Johnny gewandt fragte ich: „Wenn jetzt dennoch so bewundernswerte Leistungen erbracht werden, wie ist das möglich? Wer sagt dem einzelnen Individuum denn nun, welches Ziel als nächstes in Angriff genommen werden soll?“
„Das sind immer Leistungen des Kollektivs. Es gibt keinen „Führer oder Staatspräsidenten“, denn selbst das besondere Wesen eines Ameisenstaates, die sogenannte „Königin“ ist nur eine Dauergebärmaschine, aber kein Anführer. Sie ist auch nicht „intelligenter“ als die anderen Ameisen.“
„Ach ja, fiel ich ihm ins Wort, die liebe Intelligenz wird bei uns Menschen auch häufig überschätzt. Eigentlich ist Intelligenz nur eine Eigenschaft des Geistes, die erkennen lässt, dass für uns Menschen zur Zeit noch alles unbegreiflich ist.“
„Ach nein. Intelligenz lässt sich doch ganz einfach definieren als die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Ein System ist intelligenter als ein anderes, wenn es in einem bestimmten Zeitraum mehr Probleme lösen kann oder bessere Lösungen für ein Problem findet. Selbst wenn es niemanden gibt, der jetzt anordnet, was zu tun ist so handelt so ein Ameisenstaat koordiniert wie ein einziges Lebewesen. Und durch das einfache Miteinander im Zusammenspiel aller Ameisen entsteht so etwas wie ein Superorganismus mit einer absolut eigenen Form von Intelligenz.“
„Ja das kann man wohl so sehen, aber für uns Menschen ist das doch recht ungewohnt. Bei uns entstehen Organisationen, weil wir von der Annahme ausgehen, dass eine Firma, Universität oder eine Konsumgenossenschaft deshalb gegründet wird, weil mehrere Mitglieder zusammen mehr erreichen können, als ein Einzelner. Aber fast alle haben dabei eine Struktur, die hierarchisch gegliedert ist mit einem Leiter an der Spitze, der alles unter ihm steuert. Dieser Leiter kann meist nicht alle Probleme steuern, die in diesem Zusammenschluss auftauchen. Und dennoch ist der die alleinige entscheidungsbefugte Person. Das bedeutet: eine von Menschen geführte Organisation ist in gewisser Weise nur eine Verlängerung der Intelligenz ihres Leiters.
Und natürlich fasziniert uns Menschen dann immer wieder das einzigartige Funktionieren einer ganz anders funktionierenden Gemeinschaft ohne zentralen Leiter.“
„Pass auf, das funktioniert so: Eine Unzahl von Gehirnen, jedes einzelne nur mit einem begrenzten Erfahrungshorizont versehen trifft dennoch jeden Augenblick unendlich viele unabhängige Entscheidungen. Die Unabhängigkeit  der einzelnen Beteiligten lässt jetzt so etwas entstehen wie einen „Superorganismus“, genauso wie bei euch im Bereich der Computer der Parallelprozessor arbeitet, nämlich nebeneinander werden ständig unendlich viele Ereignisse gleichzeitig bearbeitet. Du musst Dir das vorstellen wie ein virtuelles Großhirn in dem unendlich viele Miniaturgehirne drahtlos zusammengeschlossen sind. So ein Organismus kann nur im Ganzen überleben, nicht jedoch die einzelnen Teile für sich. Und da haben wir endlich den Punkt erreicht, auf den ich hinauswollte: Ihr Menschen funktioniert  ganz ähnlich, und zwar jeder einzelne Mensch für sich und wohl auch die gesamte Menschheit an sich.“
Und da hatte mich Johnny tatsächlich auf einen Gedanken gebracht. Jeder von uns hat zwar eine Zentralverwaltung, nämlich unser Gehirn. Aber die einzelnen Organe, bestimmt aber die einzelnen Zellen erledigen ihre Aufgaben weitestgehend selbständig, ohne dass direkte Befehle vom Gehirn bis zu ihnen kommen. Mag da auch eine bestimmte Koordination vorhanden sein, so doch höchstens auf der unbewussten Ebene. Und ganz bestimmt ist unser Gehirn als Leitungsinstanz dort nicht tätig, wo wir aus unendlich vielen Wesenheiten bestehen, die ursprünglich nicht wir selbst sind, den vielfältigen selbständigen Wesen aus denen unsere Darmflora besteht. Da tragen wir doch so ungefähr zwei Kilo unendlich kleiner Wesen mit uns herum, die im Augenblick der Geburt noch nicht in nennenswerter Menge vorhanden sind. Die „Besiedelung“ erfolgt zwar sehr früh – wir wären ohne sie gar nicht überlebensfähig – aber es sind eben genau gesagt „Fremdlebewesen“ und zwar in unvorstellbarer Menge. Jeder einzelne von uns trägt im Bereich seines Darmes mehr fremde Lebewesen  mit sich herum, als Menschen jemals gelebt haben. Diese Vorstellung ist nahezu unfassbar, und all diese Lebewesen sind bestimmt nicht gegenüber unserem menschlichen Gehirn als „Untertanen“ weisungsgebunden.
Als mir das klar wurde, wollte ich Johnny erst einmal um eine Unterbrechung bitten, denn ich hatte derart viele neuartige Erkenntnisse zu verarbeiten, dass ich gar nicht mehr wusste, worüber ich zuerst nachdenken sollte.
„Ach ja, sagte er lächelnd, ich habe das schon geahnt, dass Du  für die kommenden Gedanken eine bildhaftere Darstellung Deines Problems benötigen wirst. Leg Dich bequem auf den Rücken, schau in den Himmel und lass Deinen Gedanken freien Lauf, wenn Du dort etwas siehst. Wir beide sprechen uns dann später!“
Na klar konnte ich dem schnell nachkommen.  Bequem auf dem Rücken liegend, die Augen nur geöffnet nicht fokussiert schaute ich erwartungsvoll in den blauen Frühsommer-Himmel. Ich ließ meine Gedanken von der Leine… …
Und da sah ich, was Johnny für mich als bildhafte Anschauungshilfe hatte einfallen lassen. Es waren unzählige Mengen von Vögeln, die am Himmel ihre Flugmuster zwischen den Wolken malten. Ich sah unendlich viele, die ich nicht einmal abschätzen konnte, aber sie bewegten sich wie ein einziger Organismus. Schwärme sind für mich einfach anders. Die Einzeltiere, ob nun Heringe, Ameisen oder kleine Vögel, das ist gleichgültig, sind unendlich schwach. Aber als Schwarm, entstanden aus Tausenden von Einzelwesen ergibt sich eine andere Art von Intelligenz und zugleich Macht. Aber da fragte ich mich, ob es denn überhaupt eine Intelligenz ohne ein Bewusstsein geben kann? Geschenkt, im Augenblick gleichgültig, jetzt genieße ich erst einmal die unendlich vielen ständig wechselnden Muster des Schwarmes. Und das ohne Regisseur, ohne Dirigent.


Don
kunstmalerdon

Offline Mickymaus

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Re: Johan Nepomuk von und am Eise
« Antwort #1 am: September 05, 2011, 08:50:33 Vormittag »
 :gb: :danke:
Wenn es dir möglich ist, mit nur einem kleinen Funken die Liebe in der Welt zu bereichern, dann hast du nicht umsonst gelebt.
Jack London

Offline Emirades

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Re: Johan Nepomuk von und am Eise
« Antwort #2 am: September 05, 2011, 12:26:22 Nachmittag »
Wird mal wieder Zeit, Dir, lieber Don, auf die Schulter zu klopfen.
:gb: :clapping: :danke:

Schön, dass Du uns an deinen Gedanken und Texten teilhaben läßt,
und uns damit reicher machst.
Wer Glück sucht
muß sich zuerst selbst finden.

Offline Petra

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Re: Johan Nepomuk von und am Eise
« Antwort #3 am: September 05, 2011, 12:35:24 Nachmittag »
Ich schließe mich an! Sehr  :gb:  :danke:

 

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