Autor: kunstmalerdon Thema: Bin ich wirklich "wir"?  (Gelesen 1342 mal)

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Offline kunstmalerdon

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Bin ich wirklich "wir"?
« am: Januar 31, 2011, 21:05:31 Nachmittag »


Wenn Dir die Fragestellung komisch vorkommt, dann stimmt das;  aber wenn ich stattdessen gefragt hätte: „Weißt Du eigentlich, wer in Deiner Nase wohnt?“ dann wärest Du auch noch nicht klüger gewesen.
Nun ich rede hier über meine wundersame Entdeckung in mir selbst. Ich bin bisher in meiner Vorstellung von mir immer davon ausgegangen, dass ich aus mir bestehe. Nun ja, da gibt es schon eine Leber, Magen und auch Därme, da gibt es Blut und Gehirn. Aber alles das sind Teile, die ich, nicht so ausgeformt wie sie jetzt sind, aber doch zumindest in der Anlage schon so von meiner Mutter mitbekommen habe, als ich geboren wurde.  Heute weiß ich, die Geburt ist offenbar ein Schwerverbrechen, denn sie wird mit dem späteren Tode bestraft.
Meine Mutter hat mir damals mein Leben geschenkt. Aber verdienen musste ich es mir anschließend selbst. Kaum war ich geboren schon begannen die Probleme und ich kann von Glück sagen, dass ich mit zwei blauen Augen davongekommen bin.
Ich musste  mein Leben erst mal entwickeln. Das heißt, ich habe  vom Augenblick des Geborenwerdens  ständig  Besuch bekommen, der sich dauerhaft bei mir einnistete. Das geschah im Inneren wie genauso  außen auf dem Körper. Und wenn sich dann alle Bakterien – denn um solche handelt es sich bei dem Besuch- richtig eingerichtet haben, dann habe ich in meinem Körper etwa zehnmal so viele  fremde Eindringlinge, wie ich selber Zellen insgesamt habe. Bis zu dreieinhalb Kilo fremde Bakterien leben in und mit mir, das sind rein zahlenmäßig so an die 100 Billionen f r e m d e   L e b e w e s e n,  die mich bevölkern. Und die haben sich meinen einzigartigen Körper als dauerhafte Wohnstätte ausgesucht.
Einer meiner Ärzte hat sie mir mal als „lästige Mitesser“ vorgestellt. Also nichts, was mich hätte beunruhigen sollen. Jahrelang waren sie als stille Helfer abqualifiziert, die wohl mal gelegentlich  bei der Abwehr von Infektionen behilflich sein könnten. Sonst nichts Besonderes!
Ach wie habe ich die ganze Chose unterschätzt.
Das fängt schon bei meiner Geburt an. Bei meiner natürlichen Geburt haben sich schon die ersten fremden Lebewesen über mich her gemacht , und zwar Enterobakterien, die sich meinen Darm als zukünftige Heimat ausgesucht haben.
(Nebenbei gesagt, ich will keine wissenschaftliche Abhandlung hier verfassen, deshalb werde ich in der Folge nicht immer und andauernd die genauen Namen der Bakterien nennen, außer wenn ich es für wichtig erachte!)
Dass es so schnell geht mit der „Fremdinvasion“ hat durchaus Vorteile für mich gehabt, denn die kleinen Kerlchen teilen und vermehren sich ca. alle 20 Minuten, sodass andere Bakterien, die mir hätten schaden können keinen Platz mehr  fanden. Und es geht auch gleich noch mit anderen Vorteilen weiter. Bei mir als gestilltem Säugling entwickeln diese Bakterien ein angesäuertes Darmmilieu, sodass  eine  weitere Barriere gegen unerwünschten Besuch geschaffen wird. Bei einem gesunden Erwachsenen hat sich dann später  ein Ökosystem entwickelt, das  ca. 100 Billionen an Fremdlebewesen umfasst. Da sind inzwischen so an die 200 bis 300 verschiedene Arten bekannt mit ca. 2000 Gattungen und 36.000 Arten, die wir unterscheiden. Und das alles in mir!  Diese kleinen Kerlchen sind auch noch sehr strukturiert aufgebaut. Die  Darmbakterien haben ca. 15.000 kleine Geschmacksfinder, die den Zuckergeruch an die Bewegungseinheiten weitermelden, und diese sorgen dann dafür, dass der Zucker auch aufgesucht wird. Und weil diese Freunde sich von Zucker hauptsächlich ernähren, haben sie sich eben auch den Darm als Platz für ihren kleinen Staat ausgesucht und verteidigen ihn gegen Fremdlinge.
Ich habe mich hier im Darm etwas länger aufgehalten, um die ungeheure Zahl von Mitbewohnern etwas deutlicher darstellen zu können. Die Beziehungen zwischen mir und meinen mikrobiellen Mitbewohnern kann inzwischen niemand mehr als ein einfaches  Nebeneinander mehr bezeichnen.  Die Bakterien und ihre Stoffwechselprodukte haben dafür einen zu mächtigen Einfluss auf mich und die Funktionen meines Körpers. Sie sind keine sogenannten illegalen Hausbesetzer, sondern ein sich weiter entwickelndes Staatswesen, das seine eigene Entwicklung auch an die eigenen Nachkommen weitergibt. Und sie müssen sich auch den von mir verursachten Veränderungen (z.B. Nahrungswechsel bei einer Diät), Lebensgemeinschaft mit einem neuen Partner entsprechend anpassen.  Aber auf ihre Mitarbeit habe ich mich schon lange eingestellt. Die von ihnen gelieferten Vitamine  sind ein fester Bestandteil meiner notwendigen Nahrung.
Diese veränderte Betrachtungsweise ist inzwischen auch bei den Wissenschaftlern angekommen.  Das „M i k r o b i o m“ -so wird die Gesamtheit aller in uns lebenden  Mikroorganismen genannt- ist in den Mittelpunkt ihres Interesses gerückt, und damit verbunden auch eine andere Sicht über die „humane“ Qualität von uns Menschen.
Was haben wir denn auf und in unserem Körper alles an fremden Staatsorganisationen  und fremden Mitbewohnern? Da wären  die Actinobacterien. Sie haben eine relativ dicke, mehrschichtige Zellwand und können auch in den (von ihnen aus gesehenen) Wüstenregionen leben, die gelegentlich austrocknen: Unsere Hautoberfläche. Stirn, äußere Nase, Ohrmuschel bevorzugt, aber sonst auch auf der gesamten Hautoberfläche, allerdings in unterschiedlicher Zusammensetzung mit anderen Arten.
Da sind dann noch die Firmicutes. Sie sind vorwiegend im Körperinnenraum  zu finden. Bekannt sind da besonders die Laktobazillen, die den Milchzucker umwandeln und so eine entscheidende Rolle im Darm spielen. Aber auch innerhalb unserer Nase sind sie anzutreffen. Hierher gehört auch der Staphylococcus aureus. Der sollte sich auf der Haut nicht allzu breit machen, denn dort kann er sehr schwere Infektionen auslösen.
Weiter haben wir noch im Darm die Proteobacteria, eine Gruppe mit 100 verschiedenen Familien, u. a. dem Vitamin K produzierenden Escherichia coli.
Und im Dickdarm finden wir vorwiegend die Vertreter der dünnwandigen Bacteroidetes.
Sie sind auch im Mund- und Rachenraum,  im Vaginalbereich und in den Nasennebenhöhlen.
Fusobacteria sind eine Gruppe, die, wenn sie überhand nehmen für schlechten Körpergeruch sorgen, sie sind auch vorwiegend in der Mundhöhle zu finden, wo sie auch  Zahnbelag entstehen lassen, wenn ich nicht häufig genug die Zahnbürste nutze.
Interessant sind auch die unterschiedlich bevorzugten „Stadtteile“ bei unserem Körper. Da sind nämlich andere Gruppen auf der Innenseite des Ellenbogens, die sich deutlich unterscheiden von denen auf dem Unterarm.
Für den  jeweiligen individuellen „mikrobiotischen Fingerabdruck“ sorgen dann noch Pflanzenpollen im Haar, und unzählig viele andere, die ich nicht alle namentlich aufführen will. Denn zum Glück leben auf und in unserem Körper nur relativ wenig verschiedene Hauptgruppen von Bakterien, aber die dann wieder mit sehr vielen unterschiedlichen Familien. Wie aber das Zusammenleben all dieser doch selbständigen Teile an und in mir mit mir selbst und wie es meine Besatzer unter sich regeln ist den meisten Wissenschaftlern noch ein Rätsel. Die Frage wie sich Bakterien untereinander und mit mir verständigen ist noch ziemlich ungeklärt. Schon bei der Erforschung der Tierkommunikation stoßen wir auf sehr interessante Lösungen. Die meisten kennen den Schwänzeltanz der Bienen. Fische verständigen sich mit Kiemen und Zähnen, um ihren Bereich zu kennzeichnen. Wale sprechen sogar unterschiedliche Dialekte, Heuschrecken benutzen ihre Beine; übrigens – nebenbei- alle männlichen Säugetiere kommen in den Stimmbruch.
Zurück zu „unseren“ Bakterien. Wie können die uns Menschen mitteilen, was sie von uns halten, wenn wir wieder mal ein Breitband Antibiotikum benutzen? Oder wenn wir über die Tiermast weitere Antibiotika konsumieren. Hier fehlen uns jegliche Erfahrungen. Aber Erfahrung ist ja wohl die mögliche Folge beim Umgang mit unseren Fehlern. Nur es ist häufig wohl so, dass mir jetzt die Erfahrung fehlt, die mir später, wenn ich sie  habe nicht mehr weiterhilft. Und  hier haben wir noch eine zusätzliche Schwierigkeit zu überwinden. Keine der klassischen Denkschablonen aus unserer Makrowelt passt als Ausgangspunkt für die Erforschung der unübersehbar erscheinenden Vielfalt in der Mikrowelt. Erfahrungen aus der Holzwirtschaft helfen uns nicht grundsätzlich beim Fällen von Entscheidungen. Höchstens bei der Entscheidung nicht den Ast anzusägen, auf dem wir selber sitzen. Und wir haben schon riesige Schwierigkeiten diesen Ast überhaupt zu erkennen! Denn der bekannte Ökologe Karasov sagt: “Wir sind derartig eng mit unseren Mikroorganismen verbunden, dass alles, was bisher am Menschen erforscht wurde auch eine  bakterielle Komponente haben könnte.“ Für viele Wissenschaftler bedeutet das, dass ihnen jeder Boden fehlt von dem aus sie ein neues Gedankengebäude mit neuen Forschungsansätzen entwickeln können.
Sind wir überhaupt so „humane“ Menschen wie wir immer geglaubt haben? Sind wir eigenständige Individuen mit einem eigenen „Selbst-Konzept“ oder sind wir nicht vielmehr eine Art von „Massen-Selbst“?
Wie eng wir in die evolutionären Abläufe eingebunden sind zeigt sich auch schon an unseren Mitochondrien in allen unseren Zellen. Das sind die kleinen Fabriken in jeder Zelle, die Kraftwerke. Sie gelten als rudimentäre Hinterlassenschaften von symbiotischen Bakterien, die vor Urzeiten in unsere Zellen eingewandert sind. Das haben wir bisher natürlich für eine absolut menschliche  Entwicklung angesehen.
Die symbiotische Beziehung, die zwischen Mensch und Mikrobe gerade etwas deutlicher wird zeigt uns, dass wir einen ganz neuen Denkansatz finden müssen. Menschen und Mikroben sind beide Teile in einem sich ständig weiterentwickelndem viel größeren Lebensfluss, der noch so viel mehr umfasst als wir bisher annahmen. Keineswegs können wir noch sinnvoll davon sprechen, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist, er ist wahrscheinlich nicht ein einmal ein eigenständiges Individuum. Und das ist wohl auch gut so.
Don, 31.01. 2011
kunstmalerdon

Offline Teufelchen

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #1 am: Januar 31, 2011, 23:03:04 Nachmittag »
 :gf:
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Boettcher2

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #2 am: Januar 31, 2011, 23:15:01 Nachmittag »
Hallo Don,
daß die Geburt kein Schwerverbrechen ist, weisst Du mit Deiner längeren Lebenserfahrung garantiert besser als ich, aber als ironischer Seitenhieb recht amüsant zu lesen. Immerhin ist uns bis dato nur unser Planet als "Geburtsort" bekannt.

Was mich etwas verstört ist die Aussage eines Arztes, die sich im menschlichen Körper befindlichen Bakterien als "lästige Mitesser" zu bezeichnen.
Wenn er Recht damit hat, immerhin hat er jedenfalls Jahre mit dem Studium des menschlichen Körpers verbracht, dann möge er uns bitte eine Tinktur geben, mit der wir diese Mitesser wieder loswerden. Und nun? Dann dürfte es das für uns gewesen sein. Was machen wir ohne die Kolibakterien im Darm? Baktreien in unseren Schleimhäuten schützen vor Krankheiten, Bakterien gaukeln unserem Immunsystem Eindringlinge vor, auf die es nun reagiert und somit regelmäßig trainiert wird. Wir brauchen also diese kleinen Viecher. Zugegeben, unter dem Mikroskop sind es nicht gerade Tierchen, die unserem visuellen Verständniss eines schön anzusehendem Haustier entspricht, aber wann gucke ich mich selbst schon mal unter einem Elektronenmikroskop an.
Es ist sogar direkt ein Segen, daß wir ihnen keine allzugroße Aufmerksamkeit zulommen lassen. Wir Deutsche wurden uns genötigt fühlen, jede einzelne Bakterie zu nummerieren und aufzulisten und aus Brüssel kämen Vorgaben über Größe, Gewicht und Aussehen der Normbakterie. Allerdings dürfen wir nun jeden Tag ohne schlechtes Gewissen ein Gläschen nippen. "Ich bin kein Alkoholiker, nur weil ich täglich etwas trinke, ich feiere nur den Geburtstag von einigen Bakterien in mir."
So gesehen ist es direkt schön zu wissen, daß jeder von uns ein "Geburtsort" ist.

Offline Teufelchen

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #3 am: Februar 01, 2011, 00:46:22 Vormittag »
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Offline HeyJo

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #4 am: Februar 01, 2011, 01:58:31 Vormittag »
Ein schöner Einblick in unseren Mikrokosmos  :yes:  :gb:
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Offline kalli

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #5 am: Februar 01, 2011, 07:49:54 Vormittag »
 :gb: jetzt weiß ich auch wo das wort  BAZILLENMUTTERSCHIFF herkommt  :sarcastic:
gaudium et laetitia et cetera........ oder wie wir sagen, friede,freude,eierkuchen

Offline Ugge

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #6 am: Februar 01, 2011, 16:17:21 Nachmittag »

 :gb: Don, und  :ga: Boris!

Man sieht: Niemand von uns braucht sich je alleine zu fühlen - unser Mikrobiom ist immer bei uns.  :yes:

Und sollte ich mal Lust auf ein leckeres Stück Torte bekommen, so brauche ich gar kein schlechtes Gewissen zu haben: Ich tue nur etwas Gutes für "meinen Besuch"....   ;)


kimberley

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Re: Bin ich wirklich "wir"?
« Antwort #7 am: Februar 02, 2011, 15:34:07 Nachmittag »
ehmm.....wir bleibt wir und er sie es bleibt er sie es *verwirrt* :yes:

 

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