Autor: Agamemnon Thema: Der Anfang einer Geschichte  (Gelesen 307 mal)

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Offline Agamemnon

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Der Anfang einer Geschichte
« am: Juli 16, 2017, 18:47:21 Nachmittag »
I

Aus einem gleichmäßig grauen Himmel fiel seit Stunden der Regen, ruhig und unerbittlich.
Er hatte nichts Besonderes zu tun, hier ein wenig aufzuräumen, dort ein bisschen zu ordnen, zwei oder drei Bücher an andere Orte zu stellen, weil sich dort besser in das Thema einfügten. Im Übrigen jedoch tat er nichts Nützliches. Er stellte sich immer wieder an ein Fenster. wo er gerade war, und sah hinaus in den Regen.

Eine Szene aus dem Film „Die 12 Geschworenen“ fiel ihm ein: Einer der zwölf Männer und Frauen, die über das Schickal des Angeklagten zu entscheiden hatten, war nach einer langen und ermüdenden Diskussion ans Fenster getreten sah hinaus in den Regen und sagte „Und das pisst!“ Er meinte, sich zu erinnern, dass dieser Mann breite Hosenträger getragen habe.

„Und das pisst“ hatte er gesagt, als sie, durch einen ähnlichen Regen laufend, das Lokal erreicht hatten und nun endlich nass, aber fröhlich neben einem Fenster am Tisch saßen und  einen weiten Blick über den See hatten.
Sie hatte nichts gesagt, aber fragend eine Augenbraue hochgezogen. Offenbar hatte ihr der Ausdruck nicht gefallen.

Da hatte er begriffen: Sie hatte den Stil, den er so lange vermisst hatte.

Offline Ugge

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #1 am: Juli 17, 2017, 12:32:49 Nachmittag »

Nun, dazu würde ich spontan sagen: Da hat jemand versch!ssen.  :haha:

Doch laut Titel ist das der Anfang einer Geschichte und außerdem lese ich in der ersten Zeile eine "I", somit liegt die Vermutung nahe, dass "er" noch eine zweite Chance bekommen hat?


Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #2 am: Juli 17, 2017, 13:50:18 Nachmittag »
In der Tat, es wird weitergehen.
Aber erst nächste Woche, weil ich jetzt ein paar Kanadier unterhalten und bespaßen muss.

Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #3 am: Juli 18, 2017, 09:42:34 Vormittag »


Das Präludium auf der elektronischen Orgel endete mit einer immer leiser werdenden Fermate, an der Stirnseite des Raumes, verborgen hinter den Kränzen und Gebinden öffnete sich die Tür, durch die nun der Pfarrer hereinkam, ein großer, nicht mehr ganz junger Mann mit einem sauber
gestutzten Vollbart.
„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ begann er den Gottesdienst. Alle Unruhe war plötzlich zu Ende, niemand raschelte mehr mit den Gesangbuchseiten, keiner tuschelte mehr mit dem Nachbarn oder der Nachbarin.

„Diese Stimme“ dachte Karin, „diese Stimme ist wie ein tiefer Orgelton, sie geht durch und durch. Und der meint, was er sagt“, als der Pfarrer fortfuhr „Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Er stand hoch aufgerichtet, vollkommen gerade und gesammelt, ließ den Blick über die Trauergemeinde wandern und blickte nicht einmal in seine Bibel, als er den Palm betete. Nicht den mit den siebzig oder achtzig Jahren, „Ein Glück“, dachte Karin, denn so alt war Klaus doch noch nicht. „Und da hätte der doch gar nicht gepasst.“

Auch in der Predigt ließ der Blick des Pfarrers die Gemeinde nicht los, als er über den Konfirmationsspruch von Klaus Mesendorp meditierte: „Gib mir dein Herz, mein Sohn, und lass deinen Augen meine Wege wohlgefallen“.
„Wenigstens salbadert der nicht rum“ dachte Karin, „sondern ist ehrlich und sagt, was Sache ist.
Denn nach einer längeren Einleitung, während derer sie sich bloß dem Klang der Stimme überlassen hatte, wurde sie aufmerksam: “Ich muss zu Anfang einige Dinge sagen, die um der Klarheit willen nötig sind. Und nur Klarheit kann uns helfen, wenn wir die Dinge und Geschehnisse bewältigen und verarbeiten wollen, die sich uns jetzt noch verschließen. Klaus Mesendorp war aus der Kirche ausgetreten, aus welchen Gründen auch immer. Am Ende seines Lebens, im Krankenhaus, begann er wieder nach Gott zu fragen und hat sich segnen lassen vom Pfarrer im Krankenhaus, und er hat das auch erzählt.“

Der größere Teil derer, die am Trauergottesdienst teilgenommen hatten, ging, schlenderte oder fuhr zum Beerdigungskaffee. Karin ging mit Ursula, einer Schwägerin, und der Freundin Juliane zusammen. Sie war immer noch ganz ruhig und still, sagte kein Wort und ging einfach in der Mitte der beiden Frauen. Die mussten sich über sie hinweg unterhalten: „Der Pfarrer war wenigstens ehrlich. Er hat Klaus nicht schöngeredet, aber auch nicht schlechtgemacht.“ „Sonst werden ja immer nur die allerbesten Menschen begraben. Man fragt sich, wo die ganzen Nickel und Stinkstiebels herkommen“ ergänzte Juliane. „Karin, sag doch auch mal was! Schließlich ist dein Mann heute beerdigt worden!“ „Was soll ich sagen? Ich wusste doch schon lange, dass Klaus sterben würde, und er wusste das auch. Wir haben uns lange darauf vorbereitet und Abschied genommen. Und jetzt ist es gut.“
Sie kamen am Restaurant „Zum Schlüssel“ an, nicht die ersten, nicht die letzten. Ein Nebenraum war vorbereitet, auf drei  Tischen, die ein kleines Hufeisen bildeten, waren belegte Brötchen, Kuchen und Kaffee arrangiert. „Komm Karin, du musst da oben hin. Ich weiß, dass dir das nicht passt, aber heute geht das nicht anders!“ Ursula schob Karin energisch und wie selbstverständlich durch die kleine Gruppe der Menschen, die sich noch nicht hingesetzt hatten.

„Herr Pastor, schön, dass Sie auch gekommen sind“ ging Ulrich, der Bruder von Klaus  Mesendorp auf den Pfarrer zu, der eben eingetreten war. „Das war mir wichtig“ sagte der, „immerhin war ich ein paarmal bei ihm, als er im Krankenhaus lag. Wir haben lange miteinander geredet.“
Der Pfarrer setzte sich an einen der Längstische und begrüßte die dort Sitzenden. „Frau Schneider, Frau Möllingsen, Frau op der Haar - schön, dass sie da sind! Ach, Herr op der Haar und Herr Brinkmann, ich setze mich mal zu Ihnen.“

Die Nachfeier nahm ihren Fortgang, nach den belegten Brötchen, dem Kaffee, dem Kuchen kamen irgendwann die ersten Schnäpse auf den Tisch, hier und dort ein Bier, dann noch eins. Die Unterhaltung, die zuerst noch gedämpft und leise geführt worden war, begann sich von dem Gedächtnis an den Verstorbenen abzuwenden, andere Themen wurden verhandelt, die Stimmen schwollen an, es wurde laut und lauter.
Von der Vergangenheit wurde noch gesprochen, vom Leben Klaus Mesendorps, aber nun wurden die Geschichten wiedererzählt, die man vorher aus Pietät vergessen oder verschwiegen hatte.  Was er damals dort in volltrunkenem Zustand angestellt hatte, nein, Alkoholiker sei er ganz bestimmt nicht gewesen, er hätte immer genau gewusst, wann er aufhören musste.
In den Gruppen der Frauen wurden andere Fragen erörtert und hin und hergewendet, was denn nun aus der Karin werden würde. Der Pfarrer merkte deutlich, dass die Frauen, an deren Tisch er saß, sich an solchen Überlegungen oder Spekulationen, Gerüchten und Klatschgeschichten auch  wohl gern beteiligt hätten. Aber seine Gegenwart hielt sie davon ab, soviel Respekt hatten sie immerhin vor dem Geistlichen, dachte er, dass sie unpassende Gespräche in seiner Gegenwart vermieden. Aber was war das für ein Satz, der irgendwie an sein Ohr gedrungen war, ohne dass er hätte sagen können, von wem er stammte? „Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Karin wieder heiratet.“ Das war die Stimme eines Mannes gewesen, er suchte in seiner Erinnerung, ob er  die Stimme und ihren Besitzer erkennen könne, aber da gelang ihm nichts. Mag sein, dachte er, dass das ein Verwandter aus einem Nachbardorf ist. Immerhin trafen sich sich bei diesen Gelegenheiten wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen Verwandte, Freunde, Bekannte, aus allen Dörfern der Umgebung. Man war hier über Jahrzehnte und Jahrhunderte hin versippt und verschwippt, es würde wohl kaum jemanden geben, der nicht mit allen anderen über wieviele Ecken auch immer verwandt gewesen wäre.


Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #4 am: Juli 26, 2017, 13:30:06 Nachmittag »
Am nächsten Morgen wachte sie früh auf.
Sie hatte Juliane, Ursula und Ulrich bald weggeschickt und ihnen erklärt. jetzt wolle und müsse sie allein sein. Das hatten sie auch verstanden oder mindestens so getan, als verstünden sie es. Doch nicht wegen ihrer Trauer hatte sie allein sein wollen, sondern weil ihr das oberflächliche Geschwätz  lästig wurde. Die hilflosen Versuche, sie zu trösten, obwohl sie gar nicht wusste, ob sie irgendeinen Trost nötig hatte.
„Du musst dich jetzt einfach beschäftigen, dann kommen auch keine schweren Gedanken.“ „Ich weiß, dass das eine Binsenweisheit ist, aber auch Binsenweisheiten sind manchmal wahr: Du wirst mit der Zeit über den Tod von Klaus hinwegkommen.“ „Wenn wir etwas für dich tun können, dann sag Bescheid. Du weißt, dass wir immer für dich da sind.“

„Mein Mann ist tot“ dachte sie. „Mein Mann“?  Klaus hatte immer darauf bestanden, dass sie nicht seine Frau sei und er nicht ihr Mann. „Ich bin der Mann an Deiner Seite, der Mann, der mit dir zusammenklebt, ich bin der Mann, der dich liebt - aber du besitzt mich nicht und ich besitze dich nicht. Wir gehören zwar einander, aber wir besitzen uns nicht.“
Auf einmal lächelte sie bei der Erinnerung, wie ernsthaft er mit der Sprache umging, und dann fielen ihr auch wieder die Gelegenheiten ein, in denen sie es ihm gleichgetan und mit der Sprache gespielt hatte. Da waren sie sich sehr ähnlich gewesen und da war sie ihm nichts schuldig geblieben. Oft hatten sie beide plötzlich laut gelacht, weil einem von ihnen eine besonders schöne oder treffende oder witzige Formulierung gelungen war.

Sie stand auf und ging ins Bad. Da standen noch sein Rasierpinsel, die Tube mit der Rasiercreme und sein Rasierapparat neben dem Becher mit seiner Zahnbürste. Im Bad hatten sie einander selten gestört, denn sie hatte immer abends geduscht und er am Morgen. Sie hatte immer gesagt, sie könne nicht verstehen, wie man ungeduscht ins Bett gehen könne, und er hatte regelmäßig erwidert, wenn er denn geschwitzt oder sich schmutzig gemacht hätte, dann würde er selbstverständlich auch abends duschen. Doch er würde lieber den Tag frisch geduscht begrüßen, frisch geduscht und mit einer Tasse Kaffee noch im Bad.



Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #5 am: Juli 27, 2017, 15:03:29 Nachmittag »
Nach dem Frühstück setzte sie sich an Klaus’ Schreibtisch. Im Regal daneben standen all die Ordner, die mit der Bank und den Versicherungen,  den Gehaltszahlungen, dem Finanzamt, dem Auto und dem Haus zu tun hatten. Vieles von dem Schriftverkehr, der nach einem Todesfall nötig war, hatte das Bestattungsunternehmen übernommen und erledigt. Im Augenblick gab es nichts, was sie da zu tun hätte.
Blieben nur noch die Beileidsbriefe; die musste sie noch einmal ansehen. Jetzt hatte sie die Ruhe dazu, konnte lesen und verstehen, was die Menschen geschrieben hatten. Manche hatten nur eine vorgedruckte Karte geschickt, die „Herzliches Beileid“ versprach, andere hatten Briefe geschrieben, in denen sie die Bekanntschaft und die gemeinsame Geschichte mit Klaus noch einmal in Erinnerung riefen.
Viele, die zur Beerdigung gekommen waren, hatten Blumen mitgebracht, die sie ins Grab geworfen hatten. Andere, die nicht hatten kommen können, hatten Gestecke oder Blumensträuße bestellt und durch die Blumenläden auf den Friedhof bringen lassen. Sie würde also noch einmal zum Friedhof gehen müssen und die Blumen mit den Beileidskarten zusammenbringen, damit sie sich angemessen bedanken konnte.
Sie las die Briefe der zwei oder drei Schulkameraden, die Briefe der Bekannten mit ihren gestanzten Formulierungen und den vorhersehbaren Gedanken. Verwandte gab es ja nicht mehr außer dem Bruder Ulrich. Wer blieb denn da noch?
Eine Doppelkarte, die auf der Vorderseite zwei silberne Vögel zeigte,  nebeneinander sitzend auf einem stlisierten Ast, und sie wendeten einander die Köpfe, die Gesichter, die Schnäbel zu. Sie klappte die Karte auf und auf der inneren Seite stand nichts außer einem großen M, mit der Hand geschrieben.

Offline Ugge

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #6 am: August 01, 2017, 08:43:45 Vormittag »

Bin schon gespannt darauf, auf welche Weise sich Folge 1 und die weiteren Teile der Geschichte zusammenfügen werden. :smile:


Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #7 am: August 02, 2017, 20:03:20 Nachmittag »
Wer, um Himmels willen, war dieser oder diese M.?
Klaus war ein Mann, logisch wäre also, dass M. eine Frau war. Aber wer? Klaus hatte immer wieder aus seinem Leben erzählt, hatte auch diese oder jene Bekanntschaft oder Freundschaft aus Schüler- und Studententagen erwähnt, hatte ein paar Namen genannt, Anita, in die er sich während einer Freizeit verliebt hatte, Jutta, eine Schülerin des nahe gelegenen Mädchengymnasiums aus einer Zeit, als Jungen und Mädchen noch streng getrennt unterrichtet wurden. Auch einige Namen von Kommilitoninnen fielen ihr ein, die er erwähnt hatte. Gisela kam ihr ins Gedächtnis, die später einen Helmut geheiratet hatte. Klaus hatte öfters erzählt, was er ihnen zur Hochzeit geschenkt hatte, ein Buch aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts: „Von Weibes Wonne und Wert“. Und Helmut habe ihm nachher herzlich gedankt, weil er so viel über Frauen erfahren habe, wie er es sich nie habe träumen lassen. Und Gisela hatte ihm eine Karte mit dem Bild einer geballten Faust geschickt.
Aber M.? Nein, eine M. war nicht darunter, weder eine ohne einen noch eine mit einem Punkt. Wer machte überhaupt einen Punkt hinter seinen Namen?

Sie musste noch einmal auf den Friedhof, bevor die Blumen vom Grab abgeräumt wurden, aber zuerst wollte sie im Beerdigungsinstitut fragen. Dort kam gleich Frau tom Brenk auf sie zu, eine kleine, sehr schlanke Dame in schwarzer Hose und schwarzem T-Shirt, umgeben von einer Aura der Herzlichkeit und des Charmes. „Frau Mesendorp, was kann ich für Sie tun? Möchten Sie sich setzen, mögen Sie eine Tasse Kaffee?“ Ja, die mochte sie, und so setzte sie sich auf einen Stuhl an der Schmalseite eines Tisches, während Frau tom Brenk ins Nebenzimmer ging, um den Kaffee zu holen. Karin hörte die Maschine die Kaffeebohnen mahlen, dann das Zischen des heißen Wassers, und schnell kam die Angestellte mit zwei Tassen Kaffee zurück und setzte sich an die Längsseite des Tisches.  Sie saß ruhig da, sah Karin an und wartete. Karin begann „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Also, ich habe alle Beleidsbriefe durchgelesen, die Sie mir gegeben haben. Da weiß ich auch von allen, von wem sie kommen, bis auf einen, da steht als Unterschrift nur ein großes M. Können Sie feststellen, woher der Brief und das Gesteck kommt, wenn es denn ein Gesteck gibt?“ „Haben Sie den Brief bei sich?“ Frau tom Brenk nahm den Umschlag mit der Karte und zeigte Karin die Rückseite. Da stand: Gesteck mit weißen Tulpen und drei roten Rosen. „Sehen Sie, wir vermerken auf jedem Umschlag, wie das Gesteck oder Gebinde aussieht, zu dem der Brief oder die Karte gehört. Und den Namen des Blumengeschäfts, sehen Sie, der steht da.“ „Und Sie wissen also nicht, woher der Brief und das Gesteck kamen?“ „Nein, leider nicht“, antwortete die Angestellte, „das könnte allenfalls der Herr Müller von der Friedhofsgärtnerei wissen.“
„Und wie geht es Ihnen jetzt?“ wollte Frau tom Brenk wissen. „Ach, ich komme zurecht. Ich habe jetzt ja so viel zu tun, und das sind Gelegenheiten, bei denen ich mich erinnern kann. Und die Erinnerung soll ja das Wichtigste bei der Trauer sein.“ „Ja, das ist so, und je länger und je besser Sie sich erinnern, desto schneller lässt dieser Schmerz nach. Ich wünsche Ihnen viel Kraft.“
« Letzte Änderung: August 20, 2017, 09:39:02 Vormittag von Agamemnon »

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #8 am: August 03, 2017, 20:46:10 Nachmittag »
Im Umschlag steckte auch die Geschäftskarte des Blumenhauses, das dieses auffällige Gesteck zusammengestellt hatte. Die würden doch, hoffte sie zumindest, wissen, woher der Auftrag dafür gekommen war. Die Gärtnerei mit dem Verkaufsgeschäft lag gleich neben dem Friedhof, da brauchte sie nicht lange zu suchen. Sie betrat den Laden und legte das Gebinde, das sie vom Grab mitgenommen hatte, auf die Theke, und als eine Verkäuferin kam und nach ihren Wünschen fragte, antwortete sie „Sie haben vor zwei Tagen dieses Gesteck für die Beerdigung meines Mannes, Klaus Mesendorp, angefertigt. Ich möchte mich dafür bedanken, aber ich kann keine Adresse finden. Wissen Sie, wer das bestellt hat?“ „Da muss ich den Chef fragen, ich habe damit nichts zu tun gehabt.“ Sie ging in einen hinteren Raum und kam nach kurzer Zeit mit einem Mann zurück, der mit seiner grünen  Schürze das typische Bild eines Gärtners bot. „Ja bitte?“ fragte er, und Karin wiederholte, was sie vorher der Verkäuferin gesagt hatte. „Ich möchte mich natürlich bei allen, die Blumen geschickt haben, bedanken, aber bei diesem Gesteck finde ich keinen Namen und keine Adresse. Wer hat Ihnen denn den Auftrag gegeben und wie hat er das getan?“ „Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen, Frau Mesendorp. Der Auftrag kam anonym mit einem Boten. In dem Umschlag waren 150 Euro, eine genaue Beschreibung, wie das Gesteck aussehen sollte, der Name Ihres Mannes und der Zeitpunkt der Beerdigung. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann“
„Wissen Sie zufällig noch, ob der Bote von einem Botendienst kam? War er von Hermes, UPS, dpd, GPS oder wie die alle heißen?“ „Nein, auch da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, das war ein Mann in mittleren Jahren, ohne Uniform, bloß Hose und Pullover.“ „Hatte der Auftrag denn keine Unterschrift?“ Der Gärtner ging nach hinten, blätterte in einem Ordner und kam mit einem einzelnen Blatt zurück: „Da, sehen Sie, das ist der Auftrag. Nur die Beschreibung des Gestecks, das Datum der Beerdigung, der Name Ihres Mannes. Und dass der Absender für die 150 Euro keine Rechnung oder Quittung haben will. Und unten drunter nur ein großes M.“
Karin Mesendorp begriff, dass sie so nicht weiterkommen würde. Ihre Enttäuschung konnte sie nur schlecht verbergen, als sie dem Friedhofsgärtner dankte und das Geschäft verließ.

Allmählich begann der Gedanke sich in ihr festzusetzen, dass ihr Mann ein Geheimnis gehabt habe müsse. Warum hatte er - jedenfalls ihrer Erinnerung nach - nie von einer Frau oder einer Bekannten gesprochen, deren Name mit M anfing? Wäre M. ein Mann gewesen, hätte niemand, weder ihr Mann, noch M. selbst, ein solches Geheimnis daraus machen müssen. Und warum hatte diese M. es für nötig gehalten, anonym ein solches auffälliges Gesteck zu schicken? Sie hatte es anonym getan,  aber in einer solchen Weise, dass sie, die Ehefrau, auf jeden Fall darauf aufmerksam werden musste und sich bemühen würde, die Absenderin herauszufinden. Doch dabei würde sie unweigerlich vor eine Mauer laufen. Eben dieses Gefühl hatte sie, vor eine Mauer gelaufen zu sein.

Sie setzte sich auf eine Bank, die in der Nähe stand und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Was machte sie so hilflos, und - vo allem - was erbitterte sie so? Dass Klaus ein Geheimnis vor ihr gehabt hatte? Sie hatte ihm ja auch nicht von allen Bekanntschaften erzählt, und auch vieles, was in ihrer früheren Ehe geschehen war, hatte sie nie ausgesprochen oder auch nur erwähnt. Warum also sollte es auch in seinem Leben nicht diesen oder jenen weißen Fleck geben. Als sie „weißer Fleck“ dachte, fielen ihr alte Landkarten ein, mittealterliche Karten, die unbekannte Gebiete durch weiße Flächen kennzeichneten. Und oft stand da „Hic sunt leones“ „Hier gibt es Löwen“.  Wäre dieser weiße Fleck in Klaus’ Vergangenheit möglicherweise einer, auf dem es Löwen gab? Den zu erkunden oder zu betreten gefährlich sein könnte?


« Letzte Änderung: August 20, 2017, 09:41:49 Vormittag von Agamemnon »

Offline Ugge

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #9 am: August 05, 2017, 12:13:13 Nachmittag »
Nach einiger Recherche musste ich im Text ein wenig verändern. Hier ist nun der neue und erweiterte Text.

Du weißt, dass du deine Beiträge editieren kannst? Dazu am Beitrag oben rechts auf "Ändern" klicken. Zum besseren Lesefluss könntest du den zweiten Absatz in Antwort #7 raus nehmen. Falls du möchtest.

Man kann jedenfalls gespannt darauf sein, was Karin nun unternehmen wird...


 

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