Autor: Agamemnon Thema: Der Anfang einer Geschichte  (Gelesen 95 mal)

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Offline Agamemnon

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Der Anfang einer Geschichte
« am: Juli 16, 2017, 18:47:21 Nachmittag »
I

Aus einem gleichmäßig grauen Himmel fiel seit Stunden der Regen, ruhig und unerbittlich.
Er hatte nichts Besonderes zu tun, hier ein wenig aufzuräumen, dort ein bisschen zu ordnen, zwei oder drei Bücher an andere Orte zu stellen, weil sich dort besser in das Thema einfügten. Im Übrigen jedoch tat er nichts Nützliches. Er stellte sich immer wieder an ein Fenster. wo er gerade war, und sah hinaus in den Regen.

Eine Szene aus dem Film „Die 12 Geschworenen“ fiel ihm ein: Einer der zwölf Männer und Frauen, die über das Schickal des Angeklagten zu entscheiden hatten, war nach einer langen und ermüdenden Diskussion ans Fenster getreten sah hinaus in den Regen und sagte „Und das pisst!“ Er meinte, sich zu erinnern, dass dieser Mann breite Hosenträger getragen habe.

„Und das pisst“ hatte er gesagt, als sie, durch einen ähnlichen Regen laufend, das Lokal erreicht hatten und nun endlich nass, aber fröhlich neben einem Fenster am Tisch saßen und  einen weiten Blick über den See hatten.
Sie hatte nichts gesagt, aber fragend eine Augenbraue hochgezogen. Offenbar hatte ihr der Ausdruck nicht gefallen.

Da hatte er begriffen: Sie hatte den Stil, den er so lange vermisst hatte.

Offline Ugge

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #1 am: Juli 17, 2017, 12:32:49 Nachmittag »

Nun, dazu würde ich spontan sagen: Da hat jemand versch!ssen.  :haha:

Doch laut Titel ist das der Anfang einer Geschichte und außerdem lese ich in der ersten Zeile eine "I", somit liegt die Vermutung nahe, dass "er" noch eine zweite Chance bekommen hat?


Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #2 am: Juli 17, 2017, 13:50:18 Nachmittag »
In der Tat, es wird weitergehen.
Aber erst nächste Woche, weil ich jetzt ein paar Kanadier unterhalten und bespaßen muss.

Offline Agamemnon

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Re: Der Anfang einer Geschichte
« Antwort #3 am: Juli 18, 2017, 09:42:34 Vormittag »


Das Präludium auf der elektronischen Orgel endete mit einer immer leiser werdenden Fermate, an der Stirnseite des Raumes, verborgen hinter den Kränzen und Gebinden öffnete sich die Tür, durch die nun der Pfarrer hereinkam, ein großer, nicht mehr ganz junger Mann mit einem sauber
gestutzten Vollbart.
„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ begann er den Gottesdienst. Alle Unruhe war plötzlich zu Ende, niemand raschelte mehr mit den Gesangbuchseiten, keiner tuschelte mehr mit dem Nachbarn oder der Nachbarin.

„Diese Stimme“ dachte Karin, „diese Stimme ist wie ein tiefer Orgelton, sie geht durch und durch. Und der meint, was er sagt“, als der Pfarrer fortfuhr „Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Er stand hoch aufgerichtet, vollkommen gerade und gesammelt, ließ den Blick über die Trauergemeinde wandern und blickte nicht einmal in seine Bibel, als er den Palm betete. Nicht den mit den siebzig oder achtzig Jahren, „Ein Glück“, dachte Karin, denn so alt war Klaus doch noch nicht. „Und da hätte der doch gar nicht gepasst.“

Auch in der Predigt ließ der Blick des Pfarrers die Gemeinde nicht los, als er über den Konfirmationsspruch von Klaus Mesendorp meditierte: „Gib mir dein Herz, mein Sohn, und lass deinen Augen meine Wege wohlgefallen“.
„Wenigstens salbadert der nicht rum“ dachte Karin, „sondern ist ehrlich und sagt, was Sache ist.
Denn nach einer längeren Einleitung, während derer sie sich bloß dem Klang der Stimme überlassen hatte, wurde sie aufmerksam: “Ich muss zu Anfang einige Dinge sagen, die um der Klarheit willen nötig sind. Und nur Klarheit kann uns helfen, wenn wir die Dinge und Geschehnisse bewältigen und verarbeiten wollen, die sich uns jetzt noch verschließen. Klaus Mesendorp war aus der Kirche ausgetreten, aus welchen Gründen auch immer. Am Ende seines Lebens, im Krankenhaus, begann er wieder nach Gott zu fragen und hat sich segnen lassen vom Pfarrer im Krankenhaus, und er hat das auch erzählt.“

Der größere Teil derer, die am Trauergottesdienst teilgenommen hatten, ging, schlenderte oder fuhr zum Beerdigungskaffee. Karin ging mit Ursula, einer Schwägerin, und der Freundin Juliane zusammen. Sie war immer noch ganz ruhig und still, sagte kein Wort und ging einfach in der Mitte der beiden Frauen. Die mussten sich über sie hinweg unterhalten: „Der Pfarrer war wenigstens ehrlich. Er hat Klaus nicht schöngeredet, aber auch nicht schlechtgemacht.“ „Sonst werden ja immer nur die allerbesten Menschen begraben. Man fragt sich, wo die ganzen Nickel und Stinkstiebels herkommen“ ergänzte Juliane. „Karin, sag doch auch mal was! Schließlich ist dein Mann heute beerdigt worden!“ „Was soll ich sagen? Ich wusste doch schon lange, dass Klaus sterben würde, und er wusste das auch. Wir haben uns lange darauf vorbereitet und Abschied genommen. Und jetzt ist es gut.“
Sie kamen am Restaurant „Zum Schlüssel“ an, nicht die ersten, nicht die letzten. Ein Nebenraum war vorbereitet, auf drei  Tischen, die ein kleines Hufeisen bildeten, waren belegte Brötchen, Kuchen und Kaffee arrangiert. „Komm Karin, du musst da oben hin. Ich weiß, dass dir das nicht passt, aber heute geht das nicht anders!“ Ursula schob Karin energisch und wie selbstverständlich durch die kleine Gruppe der Menschen, die sich noch nicht hingesetzt hatten.

„Herr Pastor, schön, dass Sie auch gekommen sind“ ging Ulrich, der Bruder von Klaus  Mesendorp auf den Pfarrer zu, der eben eingetreten war. „Das war mir wichtig“ sagte der, „immerhin war ich ein paarmal bei ihm, als er im Krankenhaus lag. Wir haben lange miteinander geredet.“
Der Pfarrer setzte sich an einen der Längstische und begrüßte die dort Sitzenden. „Frau Schneider, Frau Möllingsen, Frau op der Haar - schön, dass sie da sind! Ach, Herr op der Haar und Herr Brinkmann, ich setze mich mal zu Ihnen.“

Die Nachfeier nahm ihren Fortgang, nach den belegten Brötchen, dem Kaffee, dem Kuchen kamen irgendwann die ersten Schnäpse auf den Tisch, hier und dort ein Bier, dann noch eins. Die Unterhaltung, die zuerst noch gedämpft und leise geführt worden war, begann sich von dem Gedächtnis an den Verstorbenen abzuwenden, andere Themen wurden verhandelt, die Stimmen schwollen an, es wurde laut und lauter.
Von der Vergangenheit wurde noch gesprochen, vom Leben Klaus Mesendorps, aber nun wurden die Geschichten wiedererzählt, die man vorher aus Pietät vergessen oder verschwiegen hatte.  Was er damals dort in volltrunkenem Zustand angestellt hatte, nein, Alkoholiker sei er ganz bestimmt nicht gewesen, er hätte immer genau gewusst, wann er aufhören musste.
In den Gruppen der Frauen wurden andere Fragen erörtert und hin und hergewendet, was denn nun aus der Karin werden würde. Der Pfarrer merkte deutlich, dass die Frauen, an deren Tisch er saß, sich an solchen Überlegungen oder Spekulationen, Gerüchten und Klatschgeschichten auch  wohl gern beteiligt hätten. Aber seine Gegenwart hielt sie davon ab, soviel Respekt hatten sie immerhin vor dem Geistlichen, dachte er, dass sie unpassende Gespräche in seiner Gegenwart vermieden. Aber was war das für ein Satz, der irgendwie an sein Ohr gedrungen war, ohne dass er hätte sagen können, von wem er stammte? „Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Karin wieder heiratet.“ Das war die Stimme eines Mannes gewesen, er suchte in seiner Erinnerung, ob er  die Stimme und ihren Besitzer erkennen könne, aber da gelang ihm nichts. Mag sein, dachte er, dass das ein Verwandter aus einem Nachbardorf ist. Immerhin trafen sich sich bei diesen Gelegenheiten wie Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen Verwandte, Freunde, Bekannte, aus allen Dörfern der Umgebung. Man war hier über Jahrzehnte und Jahrhunderte hin versippt und verschwippt, es würde wohl kaum jemanden geben, der nicht mit allen anderen über wieviele Ecken auch immer verwandt gewesen wäre.


 

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