Autor: kunstmalerdon Thema: Eigentlich ein unangenehmes Thema!  (Gelesen 881 mal)

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Offline kunstmalerdon

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Eigentlich ein unangenehmes Thema!
« am: März 23, 2016, 19:55:02 Nachmittag »

In der letzten Zeit hatte ich mich mit unangenehmen Schmerzen  zu beschäftigen.
Dabei kam ich auf ein Thema, vor dem ich mich länger schon gedrückt hatte, weil ich darüber nicht unbedingt nachdenken wollte: "Wie werde ich einmal sterben!"
Und jetzt konnte ich nicht mehr gut ausweichen, also habe ich mich mit meinem eigenen Sterben beschäftigt!
Ich hatte als zunächst einmal  Angst davor, noch nicht alles im Leben erlebt zu haben, was für mich möglich gewesen wäre. Ich überlegte auch, ob ich mich nicht zulange nach den Vorstellungen von anderen gerichtet hatte, statt meine eigenen Vorstellungen zur Grundlage für meine Lebensgestaltung anzunehmen.
Da war also eine Angst vor dem ungelebten Leben!
Aber je mehr ich darüber nachdachte, erkannte ich, diese Art Angst wäre in jeder Art von Leben zu finden. Ich sterbe nicht erst dann, wenn ich alles mir  mögliche durchgemacht hätte. Die  so genannte Vollendung und das "alles Mögliche richtig machen" scheint mir eine  europäische Einstellung zum Leben zu sein.

In der Literatur fand ich den Hinweis, dass im Buddhismus die Idee des permanenten Wandels vorherrscht, die im Sterben eine Krönung und damit auch einen Abschluss sieht:
 "Ohne den eigenen Tod völlig akzeptiert und sich liebend und hingebungsvoll damit auseinandergesetzt zu haben, ist unser Leben immer mit Angst verbunden",
schreibt Ayya Khema, alias Ilse Kussel, eine ursprüngliche Berlinerin, die als buddhistische Nonne international bekannt wurde.
Die buddhistische Lebenseinstellung geht also  von folgender Voraussetzung aus: Das gesamte tägliche Leben ist  geprägt vom ständigen Wandel  und einer ihm innewohnenden Vergänglichkeit. Beständig ist gar nichts, weder das Positive, noch das Negative. Und wer sich gegen diese Grundtatsachen auflehnt, der schafft sich sein eigenes Leid.
Wir Europäer nehmen stattdessen an, dass wir ständig mit Verlusten zu tun haben; und die Erfahrungen von Verlusten, lassen uns reifen. Das ganze Leben können wir als einen fortschreitenden Verlust kennzeichnen, der dann mit dem Tod endgültig wird.
Einen stattfindenden Wandel erkennen wir zwar auch, aber wir sind der (heimlichen) Ansicht mit den Erkenntnissen der modernen Medizin und vor allem auch mit "Geld" ließe sich die Illusion aufrechterhalten:
"Glück und  Beständigkeit seien dauerhaft herzustellen."
Daraus resultiert auch unsere Angst vor dem ständigen Wandel. Und der stärkste Wandel ist nun mal der Schritt vom Leben zum Tod.
Und wenn ich mich nun genauer mit der Frage beschäftige: "Wovor genau habe ich denn Angst, ist es der Tod oder das Sterben, dann habe ich für mich schon die Entscheidung getroffen, dass es der Tod nicht sein kann. Der Tod ist für mich solange überhaupt nicht existent, solange ich lebe. Und tritt dann der Tod eines Tages für mich ein, dann bin ich ja schon nicht mehr da, denn ich lebe dann eben schon nicht mehr."
Dagegen ist das Sterben an sich viel schwerwiegender für mich, denn das erlebe ich ja noch!
Wenn ich mir die Art des Sterbens aussuchen könnte, dann würde ich am liebsten am Abend friedlich einschlafen. Und am Morgen wenn ich dann wach werde bin ich schon tot.
Und ist es vielleicht sogar so, dass ich "Sterben" auch erst einmal lernen müsste? Oder kann das jeder sofort und es klappt gleich beim ersten Mal?
Auch wir europäischen Christen haben ja eine religiöse Versprechung auf eine Wiedergeburt, jedoch für Buddhisten und viele andere Religionen ist das ganz klar anders zu erwarten, viel konkreter.
Aber zurück zum Sterben an sich. Wie werde ich denn sterben? Das Sterben an sich ist ein absolut individueller Prozess, dessen Anfang und Ende trotz aller medizinischen Fortschritte nicht klar abgegrenzt ist. Ich finde das insgesamt sehr bemerkenswert, dass das Sterben so wenig erforscht ist, denn außer der Geburt gibt es nur noch das Sterben, was für jeden einzelnen von uns so absolut sicher eintreten muss.
Für die einzelnen Phasen gibt es schon ganz bestimmte Bezeichnungen, z. B. "Die Einleitungsphase". Die kann sich monatelang hinziehen. Dann  eine "Terminalphase", die sich über mehrere Tage erstrecken kann und dann die "präfinale und die finale Phase" deren Ablauf mit Stunden angenommen wird. Diese "finale Phase" ist der unumkehrbare Punkt, denn hier läuft eine biologische Kettenreaktion ab, die nicht mehr umgekehrt werden kann. Ganz zum Schluss steht dann mein Herz still, und meine Atmung setzt aus. Rein Medizinisch ist dann endgültig Schluss, wenn Groß-, Klein.- und Stammhirn unwiderruflich erloschen sind.

Irgendwann nach diesem Zeitpunkt kann dann insbesondere nach buddhistischer Sicht ein Kreislauf von Widergeburten einsetzen. Aber das geht nicht ewig so weiter, denn irgendwann haben die Menschen dann das Glück, diesen Kreislauf zu verlassen und sie können dann in die Ewigkeit eingehen. "Moksha" heißt das bei den Hindus und "Erwachen" bei den Buddhisten. Aber selbst das ist noch nicht endgültig, denn der hinduistisch ständige Wandel hat doch mal ein Ende. Nämlich wenn die "Weltseele Brahma"  verschmolzen wird mit der "Einzelseele Atman" im "Nirwana"!
Ich hab das alles noch überhaupt nicht durchschaut. Aber das macht mich nicht unruhig, denn von Buddha wissen wir: "Das "Nirwana" ist mit dem menschlichen Gehirn ist sowieso nicht zu erfassen."
Für mich bleibt damit das Sterben ein Geheimnis, dessen Sinn ich so nicht zu durchschauen vermag.
Überhaupt habe ich bei den vielen religiösen Überlieferungen vieles gefunden, was ich nicht, oder zumindest noch nicht verstanden habe.
 

Nun haben mich einige Philosophen darauf gebracht, dass ich vielleicht eher Zugriff auf diese Thematik bekomme, wenn ich es mal über den Zugang mit der Komik und dem Witz  versuche.
Das Wort Witz stammt aus dem Althochdeutschen (wizzi gleich "Wissen"). Wer "gewitzt" ist, verfügt über eine gewisse Intelligenz.
In einem Witz schaffe ich die Vorstellung von einem möglichen Hindernis zur Seite.
Ein Witz kann benutzt werden, wenn beim Erzähler und Hörer keine verdrängten oder versteckt zu haltenden Vorstellungen  mehr hindernd im Wege stehen und Sanktionen nicht zu befürchten sind.. Es können dann "Tabus" zum Thema gemacht werden. Zum Beispiel: Sterben, das Leid. So kann Aggression vermieden werden, wenn Wut oder Zorn bedingt durch Krankheit sich Luft machen können. Dann wirken Witze wie  ein Ventil. Ich kann mich "entladen" ohne an Ansehen oder  Würde zu verlieren. Als Patient gibt mir der Gebrauch von Witzen die Möglichkeit darzulegen:
"Ich lebe noch und ich habe auch Überlebenswillen. Trotz aller Wünsche nach Fürsorglichkeit durch meine Mitmenschen".
Witze bringen Menschen zum Lachen, wenn  durch meinen vorhandenen Humor Erkenntnisse von Zusammenhängen erkannt werden, die eine neue Bewertung durch mich möglich gemacht wurden. Das bedeutet kognitive Fähigkeiten werden spielerisch entwickelt.
Im Bereich Kommunikation werden erstaunliche Ergebnisse erzielt. Ein Witz von mir fordert und fördert einen Witz bei meinem Gegenüber. Der Weg für gemeinsames Empfinden wird freier und öffnet so den Raum für Gemeinsamkeit und Gleichwertigkeit.
Damit wird es für mich auch möglich Verständnis zu haben, wenn andere Menschen in Themenbereichen "Lustig werden", die wie mein möglicher baldiger Tod für mich keine "Lachthemen" sind.

Ein Witz als Beispiel:
Ich sitze allein in meinem Zimmer. Es ist Abend. Plötzlich klopft es an meine Tür.
Ich gehe vorsichtig öffnen und erkenne nichts.
Ich setze mich wieder in meinen Sessel.
Erneutes Klopfen. Diesmal energischer. Ich stehe noch mal auf, weil eine dunkle Stimme fordert: "Ich bin der Tod. Mach auf!!" Ich gehe zur Tür und schaue mich um. Gott sei Dank wieder nichts zu sehen. Aber von ganz tief unten fordert die Stimme:
"Schau zu mir hierher, ganz unten!"
Und tatsächlich da steht eine kleine Figur mit dunklem Kapuzenmantel und fuchtelt mit einer kleinen Sense, während sie mir erklärend zuruft: "Wie Du siehst, komme ich nicht Deinetwegen. Ich bin hier wegen Deines Silberfischs im Aquarium!"

In meinem Lebenskreis wird der Tod mit Endzeitstimmung verbunden. Seit Kant wissen wir, dass ich das was ich täglich an Erfahrung wahrnehme eben  nur wahrnehmen kann, wenn Zeit und Raum  zum Einordnen vorhanden ist. Das Nichts oder das Ende des Seins kann ich nicht mit solchen Bildern erfassen, es ist so für mich unvorstellbar. Wenn ich den Tod für mich irgendwie "begreifbar" haben möchte muss ich mir selber Bilder erschaffen und dann kann so ein "Männchen mit kleiner Sense" schon behilflich sein.
So kann ich auch nachvollziehen, was zum Beispiel Kinder zum Lachen komisch finden, wenn sie vielleicht noch zusammen mit den Eltern bei "Halloween" alle in Kostüme von Skeletten und Untoten schlüpfen. Alle können schaudern, und diesen Schauder aber auch gleich kreischend weglachen. Wir geraten in das Lachen, damit wir nicht zu weinen brauchen

Ich möchte meine Überlegungen mit einem Hamburger Döntjes abschließen.

Auf dem Turm des "Michel" stehen drei Männer.. Sagt der eine: "Tja, heut ist eine prima Thermik, da kann mir das Fliegen einen höllischen Spaß machen" und schwupps ist er sanft über die Brüstung ab nach unten geflogen.
Der Zweite murmelt nur: " Wo er Recht hat, da hat er Recht!" Und er segelt  dem ersten in elegantem Bogen hinterher!
Der Dritte ist erst mal unsicher. Er überlegt noch, aber gibt sich endlich dennoch einen Ruck und springt ebenfalls über die Brüstung und….. fällt wie ein Brett herunter …. Klatsch! Von ihm ist nicht mehr viel übrig!
Die beiden anderen fliegen elegant nebeneinander her. Der eine sagt dabei zum anderen: "Also, wir können schon ganz schön fies sein….! Wir Engel!"

Hier kann jeder erkennen, dass Geschichten zu Koans werden können zu nicht ergründenden Rätseln mit gar nicht voraussagbaren Reaktionen. Ärger, aber auch Staunen und sogar ein geheimnisvolles Lächeln, wenn ich eine Einsicht erlangt habe die jenseits der Worte liegt. Die Spannung der Worte und die Erwartung einer Wahrheit verwandelt sich dann in ein Nichts und dieser unbeschreibbare Bereich ist es in die jeder Suchende vorstoßen kann.


Don, 22. 03. 2016
kunstmalerdon

 

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