Autor: kunstmalerdon Thema: Ein zeitweiliges Problem  (Gelesen 5686 mal)

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Offline kunstmalerdon

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Ein zeitweiliges Problem
« am: Januar 08, 2014, 21:46:08 Nachmittag »
Was ist das: Keiner kann mich hören, sehen, fühlen, riechen aber ich werde wahrgenommen?
Manches Mal scheine ich still zu stehen, aber manchmal scheine ich auch davonzurennen.
Und ich vergehe auch und komme nie wieder zurück!
Ja, so ist das mit mir, jeder nimmt mich anders wahr – mich, die Zeit.
Und da komme ich gleich mit meiner Frage: Mit welchem Organ wird denn die Zeit wahrgenommen? Mit dem Herzen, mit dem Gehirn und wenn dort, mit welchem Teil?
Und die Zeit  gibt es auch in zwei Formen: In der objektiven und der subjektiven Zeit!

Als ich auf meiner Reise in Griechenland mit einem deutschen Ehepaar und zwei griechischen Geistlichen unterhalten hatte, war einer der ersten Hinweise, dass die „alten Griechen“ sogar zwei unterschiedliche Gottheiten dafür entwickelt hatten. Zum einen „Chronos“  und dann noch „Kairos“. Die griechische Überlieferung ist interessant, weil sie das Problem der individuellen Zeiterfassung schön darstellt.
Chronos enttrohnte seinen Erzeuger und Vater Uranos. Damit war er der Herrscher über die Zeit. Um nun nicht dasselbe Schicksal zu erfahren, musste er aber auch alle seine Kinder umbringen. Das gelang ihm bei allen mit Ausnahme von Zeus. Der Herrscher über die Macht besiegt natürlich folgerichtig seinen „Möchtegern-Mörder“ und er selber erzeugte dann seinen Sohn Kairos.
In diesem Bild ist Chronos das Symbol für das Überholte, das Alte. Die Zeit frisst demnach alles – mit Ausnahme der Macht (Zeus). Das sollte veranschaulichen: Gewinne ich die Herrschaft über mich selber, gewinne ich sogar die Herrschaft über die Zeit.
Chronos verwaltet einen Schatz, der sich aus den gewonnenen Erfahrungen in der Zeit rekrutiert. Aber Chronos verschlingt dazu auch alle die, die die Zeit nicht nutzen.
Nun, das Prinzip kennen wir auch heute noch genauso.  Wenn eine Krankheit mich überfällt muss ich die Ursache suchen und sie beseitigen. Wenn nicht werde ich chronisch krank. Das gilt auch für alles andere. Nicht behobene Unzufriedenheit bedeutet chronische Unzufriedenheit.
Der Mensch der Neuzeit neigt aber dazu die Lösung nicht bei sich zu suchen sondern in seiner Außenwelt und er versucht mit Tabletten, Alkohol, Tabak oder als Workoholic Hilfsmittel einzusetzen, von denen er dann abhängig wird.  Die anzustrebende Lösung aber bedeutet: „Ich gewinne die Macht über mich selber!“
Damit beherrsche ich dann aber die Aggressionen, die Unbeherrschtheit, den allgemeinen überall vorzufindenden Stress.
Auch die Angst vor der Muße, um mit mir selbst umgehen zu lernen wird damit verhindert.
Ich brauche nicht mehr die freie Zeit „totzuschlagen“, ich brauche keinen „Zeitvertreib“. Ich bin in der Lage mich mit mir selber auseinanderzusetzen.
Chronos erscheint dann in anderer Sicht. Er zeigt sich als weiser Vater, der mir die notwendige Zeit schenkt, um alles wachsen zu lassen, reifen zu lassen, ganz einfach sich entwickeln zu lassen.
Und jetzt wird die andere Zeit-Verkörperung in Kairos verständlich. Er ist der junge Gott der sofort die richtigen Momente erkennt und schnell zupacken kann, um alles Günstige festhalten zu können. So wird er auch dargestellt mit Flügelchen an den Füßen, um blitzschnell überall zu sein, einem Messer in der einen Hand, um nicht passende Bindungen blitzschnell zu durchtrennen und einer Waage.
Er ist der andere Aspekt der Zeit. Nicht die Zeit-quantität wie Chronos, sondern die Zeit-qualität. Was das bedeuten soll? Nun wenn Mein Hund seinem Jagdtrieb nachgibt und stundenlang ein Opfer erjagen will, dann ist das eine Möglichkeit. Ein Krokodil aber liegt stundenlang unbeweglich  im Versteck, um im geeigneten Moment blitzschnell zuzupacken. Das Tier kennt die  Besonderheit die absolut richtigen Augenblicks. So wie Kairos. Ein moderner gehetzter Zeitzeuge hat kaum die innere Ruhe, die Kairos verkörpert.
Beide Götter versinnbildlichen die unterschiedlichen Seiten der Zeit. Beide Möglichkeiten aber lassen die Zeit auch anders erlebbar werden. Je mehr ich die Qualität der Zeit nutze, erkenne ich z. B. dass ein intensives persönliches Gespräch mit einem Partner in wenigen Minuten mir mehr geben kann, als ein gemeinsamer  Kinobesuch über Stunden von irgendeinem Film.
Soweit die Erkenntnis über die Zeit, die mit der griechischen Kultur auch Einzug gehalten hat in ganz Europa.
Was aber habe ich selber sonst für Erkenntnisse über die Zeit?
Mit welchem Sinnesorgan trenne ich die Vergangenheit von der Zukunft?
Mir ist nicht bekannt, dass irgendwelche Forscher ein bestimmtes Organ dafür bezeichnen können. Vielleicht der Zeitforscher Marc Wittmann, der die Ansicht vertritt, dass der Herzschlag von jedem einzelnen dazu benutzt wird Zeit individuell zu messen. Ein beschleunigter Puls soll dann die Zeit langsamer verlaufen lassen. Er kann damit die lange Wartezeit vor einer wichtigen Arzt-Untersuchung erklären.
Wann lernt denn der Mensch die Zeit richtig einzuschätzen? Jean Piaget hat dazu seine eigenen Kinder beobachtet und er meint erkannt zu haben, dass Kinder erst im Schulalter die Zeit richtig zu beherrschen scheinen. Vorher können sie zwar schon die Uhr ablesen. aber das bedeutet noch nichts für ihr wahres Leben. Wie lange eine halbe Stunde in ihrer Realität  dauert, dass fällt ihnen noch sehr schwer richtig einzuschätzen.
Das zeigt der unfertige Mensch muss erst lernen mit der Zeit richtig umzugehen.
Und wenn der Mensch dann fertig ist?
Dann sagt er zum Beispiel „Zeit ist das, was die Uhren messen!“ Danach gab es vor der Erfindung der Uhr auch noch keine Zeit!
Meyers Enzyklopädisches Lexikon von 1886 meint dazu: "Zeit ist das empfundene Nacheinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" um von Einstein gesagt zu bekommen das hat nur noch die Bedeutung einer hartnäckigen Illusion.
Also klare Aussagen, die überall anerkannt werden, finde ich bei unseren Wissenschaftler nicht.
Vielleicht hat ja irgendeiner, der dies liest genügend Zeit um mich mal richtig aufzuklären.
Don,   Januar 2014
kunstmalerdon

Offline Teufelchen

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Re: Ein zeitweiliges Problem
« Antwort #1 am: Januar 08, 2014, 23:58:19 Nachmittag »
Interessantes Statement.

Zeit ist dann verloren, wenn der Mensch dement wird - also sein Geist verschwindet.
Damit verschwindet auch die Zeit.
Er kennt keine Uhr mehr.
Er weiß nichts von Tag und Nacht.
Er hat keine Ahnung von Wochentag, noch Monat oder sogar Jahr.
Alles ist ihm ein gewaltiges Nichts.
IN IHM ist ein gewaltiges Nichts.

Der so schöne Spruch: Erinnerung ist ein Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann...
ist Null und Nichtig.
Weil alles weg ist.
Die Zeit hat es aufgefressen - und ein leeres Gehirn hinterlassen..




Wie entsetzlich traurig und schmerzhaft.
De gustibus non est disputandum!

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Offline SMARAGDGRÜN

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Re: Ein zeitweiliges Problem
« Antwort #2 am: Januar 28, 2014, 11:50:06 Vormittag »
Die Zeit, ist eine innere Uhr. Man geht im Takt mit dieser.  :bitte: :Helga:

Offline kunstmalerdon

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Re: Ein zeitweiliges Problem
« Antwort #3 am: Mai 23, 2015, 21:01:30 Nachmittag »
Ach Du liebe Zeit

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen“ sagt der gute, alte Seneca. Viele nicken jetzt zustimmend. Aber ich frage mich: Stimmt das wirklich?
Wenn ich mir die Freiheit nehme – so wie heute Nachmittag – sie einfach mit „Nichtstun“ zu verschwenden, dann habe ich sie für mich sehr sinnvoll genutzt.
Aber der richtige Umgang mit der Zeit ist wichtiger als ein hoher Intelligenzquotient, das hat Walter Mischel mit seinem berühmten Marshmallow-Experiment schon 1988 bewiesen. Der Versuchsleiter teilte dem jeweiligen Kind mit, dass er für einige Zeit den Raum verlassen würde, und verdeutlichte ihm, dass es ihn durch Betätigen einer Glocke zurückrufen konnte und dann einen Marshmallow erhalten würde. Würde es aber warten, bis der Versuchsleiter von selbst zurückkehrte, würde es gleich zwei Marshmallows erhalten.“
Die vierjährigen Kinder wurden über Jahre hinweg beobachtet, und es zeigte sich, dass Kinder die gewartet hatten,  als Heranwachsende  kompetenter in schulischen und sozialen Bereichen waren und besser mit Frustration und Stress umgehen und Versuchungen widerstehen konnten und auch eine höhere schulische Leistungsfähigkeit zeigten.

Keine meiner erwachsenen Freunde von jetzt sind aber so beschäftigt, dass sie nicht genügend Zeit haben mir stundenlang zu erzählen wie wenig Zeit sie haben, weil sie so beschäftigt sind.
Das zeigt doch beides, dass es sich lohnt über das Phänomen Zeit etwas nachzudenken.

Zunächst einmal habe ich selber (wie die meisten von uns) ein Zeitempfinden.
Ich habe sogar so etwas, das man eine „Innere Uhr“ nennen kann. Unsere Wissenschaftler vermuten ihren Sitz irgendwo im Hypothalamus ( Hypo = Unter, thalamos = Schlafgemach, Kammer) also im unteren Bereich des Mittelhirns. Diese „Innere Uhr“ arbeitet natürlich individuell unterschiedlich, aber andrerseits sehr exakt. Als ich noch Tennis spielte, war sie in der Lage beim Aufschlag den hochgeworfenen Ball exakt zu berechnen, sodass ich ihn mit dem Schläger genau treffen konnte. Das Auge, das die Information übermitteln musste arbeitet ziemlich langsam, aber das Treffen des Schlägers konnte sehr genau berechnet werden (in Millisekunden).
Diese innere Uhr lässt sich sogar sehr genau programmieren.
Wenn ich sie genügend bearbeite, lässt sie mich zur gewünschten Zeit auch pünktlich aufwachen.
Einen Teil der täglichen Eichung übernehmen Morgengrauen und Abenddämmerung. Für den genauen Takt sorgen unbewusste Wahrnehmungen von Lichtintensität und Art der Farbe. Und auch die Länge von Tag und Nacht werden unbewusst miteinbezogen. Einige Hauptaufgaben dieser Uhr sind ganz allgemein Steuerung  meines Biorhythmus, d. h. Wach-Schlaf-Zyklus, Hormoneinstellung und auch meine Leistungskurven.
Aber zu unterscheiden von dieser „Uhr“ ist das „Zeitempfinden“. Und das ist abhängig von sehr vielen Einflüssen. Bin ich mit einem Menschen zusammen, in den ich mich gerade verliebt habe, dann vergeht ein Stündchen sehr viel schneller als eine ganz normale Stunde.
Wissenschaftler haben es bestätigt: In unserem Körper gibt es kein Organ, dass die Zeit objektiv messen kann. Mir mit meinem Alter kommt die Zeit immer kürzer vor als meinen Enkeln. Aber außer dem biologischen Alter sind  es auch ereignisreiche Zeiträume, die uns täuschen. Wenn sehr viele Dinge schnell hintereinander geschehen, dann glauben wir eben auch, dass die dafür mehr Zeit aufgewandt wurde als sonst.
Warte ich auf die Bahn und wage ich immer wieder einen Blick auf die Uhr, so ist die Zeit  schleppend wie sonst kaum. Die Zeit kommt mir sehr lange vor. In der  Rückschau ist in diesem Abschnitt nicht viel geschehen. In der Erinnerung habe ich also das Gefühl, die Zeit war kurz, weil ja auch nicht viel zu tun war
Wenn das Gehirn mit aktiven Tätigkeiten gefordert wird, scheint die Zeit schneller zu laufen. Aber wohin läuft sie denn, unsere Zeit? Alles Mögliche verändert sich mit der Zeit und mithilfe der Veränderung kann ich den Zeitfluss einschätzen. Ein Sprichwort sagt: Die Zeit heilt alle Wunden! Das mag ja stimmen, aber wenn ich in den Spiegel schaue, dann erkenne ich auch: Die Zeit ist eine schlechte Kosmetikerin!
Aber jedes erlebte Geschehen, einfach alles, was ich als neu im Gehirn einbringe verändert auch dieses Gehirn.  Synapsen bilden sich oder werden bei Nichtgebrauch  zurückgebaut. Allezeit wird die Gehirnstruktur verändert und diese Veränderung bestimmt auch mein Zeitempfinden.
Auch ich kann mich als achtzigjähriger noch wie jemand mit 50 fühlen, aber wohl nicht länger als eine halbe Stunde.
Für mich ist es inzwischen so, dass der Zahn der Zeit schon gewaltig an meinen Erinnerungen geknabbert hat. Aber ich arbeite auch schon an der Rückgewinnung, indem ich mich mit der Zeit immer mehr mit der Zeit beschäftige. Ich beobachte die verschiedenen Aspekte meiner Zeit sehr intensiv und bearbeite die einzelnen Aspekte der Reihe nach.
Zum Beispiel beobachte ich die Zusammenhänge von  Zeit und Wahrnehmung;  wie und was nehme ich wahr bei Stress und was bei Entspannung. Wie wirken sich Erwartungen auf mein Zeitempfinden aus und was geschieht, wenn ich einen Tag lang konsequent auf alle Arten von veranstalteten Zeitmessungen verzichte (Uhr, Radio, Fernsehen usw.)
Dabei habe ich schon erkannt, dass es ganz seltsam ist. Wenn ich so normal lebe, weiß ich schon für mich, was die Zeit bedeutet. Würde ich es aber jemanden ausdrücklich mit Worten erklären müssen, dann käme ich schon in Schwierigkeiten. Es gibt die Form der „Vergangenheit“ und die der „Zukunft“, aber das dazwischen, das „Jetzt“ entzieht sich meinen Darstellungsversuchen, obwohl Vergangenheit nicht und Zukunft noch nicht existieren und das „Jetzt“ ständig präsent ist. Und wie geht es dir?
Kannst Du mir vielleicht sagen wie lange „Jetzt“ ist?   


Don 01. 05.  2014
kunstmalerdon

 

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